Stadt Ulm - Die Reichspogromnacht in Ulm

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Die Reichspogromnacht in Ulm

Die alte Ulmer Synagoge

Die alte Ulmer Synagoge

"Es gibt keinen Schlussstrich", sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Rede zum 60. Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs. Er wies damit künftigen Generationen den Weg für einen verantwortungsvollen Umgang mit der deutschen Geschichte - speziell mit dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten in den Jahren 1933 - 1945. Der 9. November 1938, der Tag der "Reichskristallnacht", als in Deutschland jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt und jüdische Geschäfte demoliert wurden, symbolisierte den vorläufigen moralischen Tiefpunkt und schleichenden Zerfall der Zivilgesellschaft. Auch in Ulm. Im folgenden Text wollen wir diesen für die jüdischen Mitbürger so folgenschweren Tag aus Ulmer Sicht beleuchten.

Auslöser des Pogroms im ganzen Reich war das Attentat des jungen Juden Herschel Grünspan, der am 7.11.1938 in Paris den dortigen Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath mit mehreren Schüssen verletzte. vom Rath erlag wenig später seinen Verletzungen. Die Nationalsozialisten benützten die Tat Grünspans als willkommenen Anlass, gegen die jüdische Bevölkerung in radikaler Weise vorzugehen. Propagandaminister Joseph Goebbels hielt eine seiner berüchtigten Hetzreden und gab damit quasi das Startzeichen für die brutalen Ausschreitungen und Übergriffe.

Außenansicht der Synagoge, ein quaderförmiger, hellbrauner Bau. An einer Ecke sind Davidsterne in die Fassade eingearbeitet. Um die Synagoge herum sind ein Platz mit Pflastersteinen und Häuser.

© Stadtarchiv Ulm

Die neue Synagoge in Ulm wurde 2012 eröffnet. Damit kehrte jüdisches Leben an seinen angestammten Platz in der Ulmer Gesellschaft zurück

In Ulm erließ die Polizeidirektion am 9. November zunächst ein polizeiliches Ausgehverbot für alle Juden. Wie ein Ermittlungsverfahren gegen den seit 1935 in Ulm tätigen Führer der SA-Brigade 56 ergab, erteilte dieser in der Nacht vom 9. zum 10. November auf Weisung des Führers der SA-Gruppe Süd-West den Befehl die Ulmer Synagoge am Weinhof in Brand zu setzen. Zwar richtete das Feuer keinen großen Schaden an, trotzdem wurde das Gebäude auf Anweisung der Stadtverwaltung wenig später abgerissen. Von, wie von den Nationalsozialisten behauptet, "spontanem Volkszorn" konnte also keine Rede sein. Vielmehr war die Reichskristallnacht auch in Ulm organisierter Staatsterror. Die von vielen Augenzeugen überlieferten Begleitumstände auf dem Ulmer Weinhof zeigen aber auch, dass sich Teile der Bürgerschaft aktiv und ohne Befehlsdruck an Übergriffen auf jüdische Mitbürger beteiligten. So wurden die von der SA herbeigeholten Juden von einer mehrere Hundert Personen zählenden Menschenmenge gezwungen, einzeln oder zu zweit in den Brunnentrog am Weinhof zu steigen. Dort wurden sie auf massivste Weise misshandelt, um später von bereitstehenden Polizeibeamten in "Schutzhaft" abgeführt zu werden. Der damalige Rabbiner, Dr. phil. Julius Cohn, wurde am 9. November derart misshandelt, dass er mit Fleischwunden im Gesicht und Hämatomen am gesamten Körper ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo er sich bis zum 5. Dezember von seinen Verletzungen erholte.

Das gleichgeschaltete "Ulmer Tagblatt" titelte am 11.11.1938: "Gerechter Volkszorn - in Ulm kamen 56 Juden in Schutzhaft" und endete mit den menschenverachtenden Worten: "Wenn auch die Entjudung in Ulm seit der Machtübernahme große Fortschritte gemacht hat, so wollen wir durch unsere Disziplin dazu beitragen, dass das restliche jüdische Pack noch rascher unserer Stadt den Rücken kehrt". Die Übergriffe in Ulm forderten zunächst keine Todesopfer. Zwei Ulmer Juden starben jedoch im KZ Dachau, wohin die Schutzhäftlinge überführt wurden, an den Folgen ihrer Verletzungen und der allgemein sehr schlechten ärztlichen Betreuung.

Zur historischen Wahrheit gehört, dass die große Mehrheit der Ulmer Bevölkerung sich nicht aktiv an den Übergriffen in der Nacht vom 9. auf den 10.11. beteiligt hat - von aktivem Widerstand wird allerdings in den Quellen nicht berichtet. Zivilcourage ist gewiss nicht einforderbar - zumal mit moralischem Impetus von Generationen, die diese Zeit nicht erlebt haben. Aber die Reichspogromnacht war auch in Ulm ein Fanal der Enthemmung und für viele ein Schlüsselerlebnis, um "genug zu wissen, um nicht mehr wissen zu wollen".