Fußgängerzone
Neugestaltung der zentralen Fußgängerzone
Perspektive erster Preisträger (Terra.Nova Landschaftsarchitektur mit Club L94 Landschaftsarchitekten GmbH )
Der Gemeinderat der Stadt Ulm hat in seiner Sitzung am 16. Juli 2025 beschlossen, das Projekt zur Neugestaltung der Fußgängerzone auf die Zeit nach 2030 zu verschieben. Grund für diese Entscheidung ist die aktuell angespannte Haushaltslage der Stadt. Steigende Kosten infolge der Inflation, höherer Energiepreise, wachsender Sozialausgaben sowie gestiegene Personalkosten belasten die Ausgabenseite erheblich. Gleichzeitig stagnieren die kommunalen Einnahmen. Vor diesem Hintergrund sieht sich die Stadt gezwungen, Prioritäten zu setzen und geplante Maßnahmen zeitlich zu verschieben.
Angesichts des baulichen Zustands der Fußgängerzone und der Herausforderungen des Klimawandels wäre es wünschenswert, die Neugestaltung zeitnah umzusetzen. Die Stadt hofft, das Projekt nach der Landesgartenschau erneut aufgreifen und weiterverfolgen zu können.
Der Ulmer Gemeinderat hat in seiner Sitzung am 19. März für die zeitnahe Neugestaltung der Fußgängerzone gestimmt.
Angesichts der zahlreichen Baumaßnahmen in der Stadt hatte die Verwaltung empfohlen, den Umbau der Fußgängerzone zu verschieben und diese Infrastrukturmaßnahme erst nach Beendigung der Landesgartenschau anzugehen. Der Gemeinderat hat sich allerdings für einen zeitnahen Beginn der Arbeiten entschieden. Allerdings in zwei Bauabschnitten.
Im kommenden Jahr gehen zunächst die Bauarbeiten in dem Abschnitt los, der dem Hauptbahnhof zugewandt ist. Bis 2029 - ein Jahr vor Beginn der Landesgartschau - soll dieser Abschnitt fertig sein. Ab 2031 folgt dann der restliche Teil in Richtung Ulmer Münster.
Hirschstraße Bestand Blick Richtung Münster
Bahnhof- und Hirschstraße stellen die wichtigste und meistfrequentierte Handelslage der Stadt Ulm dar. Die Straßenzüge verbinden auf einer Länge von etwa 450 Metern den Bahnhofplatz und den Münsterplatz und führen auf geradem Weg zum bedeutendsten Baudenkmal der Stadt, dem Münster. Diese zentrale Fußgängerachse ist somit auch eine Visitenkarte der Stadt. Sie prägt das Image von Ulm nach innen und außen und ist damit ein wichtiger Faktor im Wettbewerb um Touristen und den stationären Einzelhandel.
Der bauliche Zustand und die Gestaltung von Bahnhofstraße, Deutschhausgasse, Glöcklerstraße und Hirschstraße sind in die Jahre gekommen und werden ihrer örtlichen und überregionalen Bedeutung nicht mehr gerecht. Infolge der Aufwertung der angrenzenden Bereiche durch das Einkaufszentrum Sedelhöfe wird die Diskrepanz noch augenfälliger.
Diese zentrale Innenstadtlage ist zudem - entsprechend ihrer Funktion - baulich hochverdichtet und stark versiegelt. Ausgehend von den schon heute zu beobachtenden Klimaveränderungen mit dem Blick auf zukünftige Entwicklungen, erfordert die Neugestaltung der Fußgängerzone eine vorausschauende Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Aber auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen gibt es verschiedenste Anforderungen an den öffentlichen Raum. Dieser muss heute und zukünftig weit mehr leisten, als zur Zeit seiner letzten Umgestaltung vor rund 50 Jahren. Der öffentliche Raum ist heute Bewegungs-, Spiel- und Aufenthaltsraum, Kommunikations- und Sozialraum und nicht zuletzt Raum für den Konsum und Handel. Viele Veränderungen, etwa die eines veränderten Nutzungsgefüges und Nutzerverhaltens oder veränderter Anforderungen an ein Einkaufserlebnis, bis hin zu zwingenden Anpassungen an den Klimawandel machen eine intensive Auseinandersetzung zur Zukunft der „klassischen Fußgängerzone“ erforderlich.
Die Sanierungstreuhand Ulm GmbH wurde von der Stadt Ulm beauftragt zu untersuchen, ob im geplanten Untersuchungsbereich rund um die zentrale Fußgängerzone städtebauliche Missstände vorliegen, die ein förmlich festgelegtes Sanierungsgebiet erfordern. Eine erste Grobanalyse hat gezeigt, dass im Untersuchungsgebiet augenscheinlich Mängel und Missstände vorliegen.
Aktuell laufen die sog. "Vorbereitenden Untersuchungen". Sie dienen dazu, die vorhandenen und vermuteten städtebaulichen Missstände näher auszudifferenzieren.
Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse werden Ziele und Maßnahmen für das Sanierungsgebiet abgeleitet. Die Sanierungsziele und Maßnahmen sollen dann im Durchführungszeitraum, in der Regel ca. zehn Jahre, umgesetzt werden.
Weitergehende Informationen zum Sanierungsgebiet erhalten Sie auf der Internetseite der Sanierungstreuhand Ulm GmbH.
Planungen in der Innenstadt umfassen zahlreiche Querschnittsthemen, die die Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger auf ganz unterschiedliche Weise berühren. Die Beteiligung der Stadtgesellschaft im Zuge der Projekte "Neugestaltung der zentralen Fußgängerzone" und der vorbereitenden Untersuchungen zum Sanierungsgebiet "Innenstadt West" hatte daher das Ziel, mit den verschiedenen Stakeholdern, Immobilieneigentümerinnen und -eigentümern sowie einer breiten Öffentlichkeit in Dialog zu treten und diesen vielfältigen Perspektiven gerecht zu werden. Dieser Beteiligungsprozess unter dem Titel „Ulm macht Innenstadt“ fand im Juni und Juli 2021 statt. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die Beteiligung ausschließlich in digitalen Formaten durchgeführt werden. Alle Veranstaltungen wurden dokumentiert und abschließend in einem Endbericht zusammenfassend dargestellt. Den Endbericht können Sie hier herunterladen.
Fußgängerzone Lageplan erster Preis
Um die beste Lösung für die Neugestaltung der zentralen Fußgängerzone zu finden, hat die Stadt einen freiraumplanerischen Wettbewerb ausgelobt.
Das Preisgericht hat den Wettbewerbsbeitrag der ARGE Terra.Nova Landschaftsarchitektur mit Club L94 Landschaftsarchitekten GmbH als Sieger prämiert, weil es der Auffassung war, dass der Entwurf eine hochattraktive und zukunftsweisende Vision für eine atmosphärische und ökologische Neuinterpretation der städtischen Fußgängerzone entwirft, die ein starkes Aufbruchsignal an die Stadtgesellschaft aussenden kann und die verspricht, flexibel und anpassungsfähig auf eine zumindest in Teilen noch unbekannte Zukunft reagieren zu können. Neben das bislang primäre Ziel der Konsolidierung der Konsumfähigkeit rücken insbesondere Kommunikations-, Sozial- und Klimafunktionen in den Vordergrund.
Der Preisträgerentwurf sieht vor, die bislang stark versiegelte "steinerne" Fußgängerzone mit nur wenigen Baumstandorten in einen stark durchgrünten Bereich mit bodengebundenen Baumstandorten umzuwandeln (sog. "Grüne Meile"). Der geplante Regenrückhalt und die Baumbewässerung in der Mittelachse können langfristig einen wertvollen Beitrag leisten, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels in der stark versiegelten Innenstadtlage abzumildern und gleichzeitig den Wohlfühl- und Aufenthaltscharakter deutlich zu steigern. Die Setzung von überdurchschnittlich vielen neuen Bäume innerhalb der Mittelzone lassen eine deutliche Verbesserung der Aufenthaltsqualität und eine Verbesserung des örtlichen Kleinklimas erwarten.
Charakteristisches Grundelement des Entwurfs bildet ein heller Natursteinbelag mit spezieller Oberflächenbearbeitung und günstigem Albedo-Effekt, der der zentralen Fußgängerzone ein eigenständiges Erscheinungsbild und eine Zusammengehörigkeit geben soll. Die Anmutung des Stadtbodens wird in Anlehnung an das "Ulmer Barchent" (Webstoff, einem Mischgewebe aus Baumwoll-Schuss und Leinen-Ketten, auch als ’Ulmer Geld’ bezeichnet) entwickelt. Die zentrale Achse vom Bahnhof zum Münsterplatz erhält eine Gliederung in Mittelzone und Seitenbereiche. Die Seitenbereiche nehmen die geschäftsnahen Funktionen wie Auslagen in einer schmalen Spur entlang der Fassaden auf. Die Mittelzone ist flexibel für die Anordnung von Verweilzonen, weiteren Gastronomiebereichen oder Sekundärbegrünungen.
Unter Berücksichtigung des Baumbestandes wird der Bereich der Glöcklerstraße zu einem großen schattenspendenden Baumdach zusammengeführt. Eine große Baumhalle überspannt dort einen zusammenhängenden und flexibel nutzbaren Bereich mit einer wassergebundenen Decke. Eine großzügige Bachöffnung der Großen Blau soll den spezifischen Ortsbezug und die verloren gegangene Präsenz des Flusses an dieser Stelle wiederherstellen (sog. "Blaue Meile"). An der Einmündung der Glöcklerstraße in die Hirschstraße sieht der Entwurf zudem ein Wasserelement in Form einer Fontänengruppe vor.
© ARGE TERRA.NOVA/club L94
Der Siegerentwurf des freiraumplanerischen Wettbewerbs wurde im anschließenden Planungsprozess konkretisiert und weiterentwickelt.
Dabei wurde besonderes Augenmerk darauf gelegt, die gestalterische Vision mit den technischen und funktionalen Anforderungen in Einklang zu bringen – etwa hinsichtlich Verkehrsführung, Leitungstrassen, Andienung und Erreichbarkeit. So entstand ein umsetzungsfähiger Entwurf, der sowohl die städtebaulichen Qualitäten stärkt als auch die baulichen Realitäten berücksichtigt.
Leitidee: Ein neuer Stadtboden für Ulm
In Anlehnung an den „Ulmer Barchent“, das traditionsreiche Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen, entsteht ein durchgehender, hochwertiger Stadtboden mit klarer Gliederung: Eine breite Mittelzone mit Sitzgelegenheiten, Bäumen und Aufenthaltsbereichen wird von Bewegungszonen flankiert. Granit in heller Farbigkeit und besonderer Oberflächenbearbeitung verleiht der Fußgängerzone ein eigenständiges, modernes Erscheinungsbild.
Grünraum: Die "Grüne Meile" und der "Grüne Salon"
Zukunftsfähige Baumarten wie Zürgelbaum oder Schnurbaum sorgen für Durchgrünung und Schatten. Regenwasserrückhalt, Schwammstadtprinzip und flexible Pflanzkonzepte verbessern Klimaresilienz und Aufenthaltsqualität. Zwei Typen prägen das Bild: Die "Grüne Meile" als lineare Baumreihe entlang der Hauptachse und der "Grüne Salon" mit einem dichten Baumhain in der Glöcklerstraße.
Aufenthaltsqualität & Ausstattung
Neue Sitzmodule mit Holzauflage, Trinkwasserbrunnen, Hochbeete, Wasserspiele und Kunstobjekte wie die "Ulmer Spatzen" schaffen Orte zum Verweilen und Erleben. Die Lichtplanung unterstützt Orientierung und Atmosphäre – auch am Abend.
Nachhaltigkeit & Technik
Die Baumstandorte werden über ein innovatives Schwammstadt-System mit Regenwasser versorgt (Stockholm-Prinzip). Die technische Infrastruktur wird unterirdisch neu organisiert.
Integration & Aufwertung
Die Eingangsbereiche von der Bahnhofstraße und vom Münsterplatz erhalten durch Bäume, Sitzmöglichkeiten und Beläge eine besondere Betonung. Der Bereich zwischen Glöcklerstraße und Neuer Straße wird mit Hilfe von Bäumen und Fahrradstellplätzen neu geordnet.