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Die Legende vom Ulmer Spatz

Ein Spatz mit einem langen Halm im Schnabel sitzt auf einem Zaun.

© Frank Genet

Es war einmal in der freien Reichsstadt Ulm eine stolze Bürgerschaft, die wollte ein Münster bauen. Schön und hoch sollte die Kirche werden. Um das Dach zu stützen, benötigte der Baumeister lange Holzbalken. Er sandte seine Gehilfen aus der Stadt, um kräftiges Holz herbeizuholen. Und so machten sich diese auf den Weg.

Frohen Mutes schafften die Gehilfen Baumstämme herbei und stapelten sie quer auf einen Wagen. Wie sie damit nun die Stadtmauer passieren wollten, zeigte sich, dass das Tor in der Mauer viel zu schmal war. Die Balken standen auf beiden Seiten über. Die Gehilfen mühten sich und schoben den Wagen hin und her, doch es war vergeblich: Wenn die Balken links bündig zum Tor waren, standen sie rechts umso mehr über, und umgekehrt.

Die ganze Stadt geriet darüber in Aufruhr. Die Bürger, die Stadträte und sogar der Bürgermeister - der eigentlich auf alles eine Antwort wusste - suchten nach einer Lösung. Doch etwas Ähnliches war noch nie jemandem widerfahren. Selbst in den schlauen Büchern fand sich kein Rat. Es schien nur eine Lösung zu geben: Das Tor abzureißen.

Als die Verwirrung gerade am größten war, flog ein kleiner Spatz über die Menge hinweg. Im Schnabel trug er einen golden schimmernden Getreidehalm. Mit diesem flatterte er an den Torbogen heran. Dort bot ein schmaler Spalt zwischen den Mauersteinen Platz für ein Nest. Um den Halm dort hineinzuschieben, drehte der findige Spatz ihn der Länge nach und schob ihn hinein.

Da ging den Ulmern ein Licht auf.

In Windeseile ergriffen sie die Holzbalken und legten sie diesmal nicht quer, sondern längs auf den Wagen. Dann wurde es still. Zögerlich setzte sich das Gefährt in Bewegung. Und siehe da: Elle um Elle, Stück um Stück rollte der Wagen geschmeidig durch das Tor hindurch.

Da geriet die Menge ins Jubeln. Die Menschen applaudierten dem Spatzen und schlossen ihn tief in ihre Herzen. Zum Dank wurde ihm später ein Denkmal auf dem Münsterdach errichtet: die Figur eines Spatzen mit Halm im Schnabel. Und so wurde der Spatz zum inoffiziellen, dafür umso mehr geliebten Wahrzeichen der Stadt Ulm.