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Der Ulmer Spatz

Spatz hinter grünen Blättern

Der Spatz ist das inoffizielle Wappentier von Ulm und allgegenwärtig in der Stadt. Das gilt nicht nur für die leibhaftigen Vögel, die in den Bäumen zwitschern oder in den Straßencafés auf Brotkrumen hoffen. In Form von riesigen Skulpturen thront der Spatz überlebensgroß auf verschiedenen Plätzen und Straßen. Er ist Namensgeber für Vereine, eine Figur bei traditionellen Stadtfesten, prägt Logos und Mitbringsel. Die prominenteste Position hat der Spatz aus Kupfer, der auf dem Dach des Ulmer Münsters steht.

Aber wie kam es zum Kult um das kleine Tierchen? Im Folgenden erfahren Sie die Legende, die wir anhand alter Überlieferungen frei nacherzählt haben. Der erste Hinweis findet sich übrigens in einer Schrift des Historikers Rudolf Max Biedermann von 1826. Demnach war die Geschichte bereits zu dieser Zeit verbreitet.

Es war einmal in der freien Reichsstadt Ulm eine stolze Bürgerschaft, die dabei war, ein gigantisches Münster zu bauen. Für das Dach benötigte der Baumeister lange Baumstämme. Er entsandte seine Gehilfen, kräftiges Holz herbeizuholen. Und so machten sich diese auf den Weg. Doch wie die Männer die Balken von draußen in die Stadt schaffen wollten, stießen sie auf ein unüberwindbares Hindernis: Die Stadtmauer mit ihrem viel zu kleinen Tor.

Der Baumeister geriet darüber in tiefe Verzweiflung. Seine Männer hatten wohl überlegt, die Balken dicht gestapelt und quer auf den Wagen geladen. Doch wenn sie den Wagen nun durch das schmale Tor bewegen wollten, so stand das Holz links und rechts über. Das Tor war zu eng für die langen Balken. Wie sollten sie je hinein gelangen?

Die ganze Stadt geriet darüber in Aufruhr. Nicht nur die Gehilfen, auch die Bürger, die Gelehrten und sogar der Bürgermeister - der eigentlich auf alles eine Antwort wusste - suchten nach einer Lösung. Doch etwas Ähnliches war noch nie jemandem widerfahren. Auch in den schlauen Büchern fand sich kein Rat. Als die Verwirrung gerade am größten war, flog ein kleiner Spatz über die Menge hinweg. Im Schnabel trug er einen golden schimmernden Strohhalm. Mit diesem flatterte er an den Turm heran, welcher sich über der Stadtmauer erhob und in einem schmalen Spalt Platz für ein Nest bot. Der findige Spatz drehte den Strohhalm, um ihn so der Länge nach in die Nische hineinzuschieben. Da ging den Ulmern ein Licht auf.

In Windeseile griffen sie die Holzbalken, drehten sie und legten sie der Länge nach auf den Wagen. Voller Eifer setzten sie das Gefährt in Bewegung. Der Baumeister hielt den Atem an und traute seinen Augen kaum. Elle um Elle, Stück um Stück rollte der Wagen geschmeidig durch das Tor hindurch. Da geriet die Menge ins Jubeln. Die Menschen applaudierten dem Spatzen und schlossen ihn tief in ihre Herzen.

Zum Dank errichteten die Bürger dem Vogel ein Denkmal auf dem Münsterdach: Die Figur eines Spatzen mit Strohhalm im Schnabel. Und so wurde der Spatz zum inoffiziellen, dafür umso mehr geliebten Wappentier der Stadt Ulm.