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Das Ulmer Rathaus

Aus dem Eckturm des Rathauses mit seiner altertümlichen Fassade reichen Fahnenmasten heraus, deren Fahnen senkrecht nach unten hängen und leicht im Wind wehen.

"Viele Gesetze können wir mit dem Spinnennetz vergleichen, das starken Wespen nichts schadet, das aber viele kleine Fliegen tötet." Ein solcher Spruch an der Fassade eines Parlamentsgebäudes legt den Verdacht nahe, dass anarchistische Sprayer am Werk waren. In Ulm dürfte es jedoch kein geringerer als der Stadtmaler Martin Schaffner gewesen sein, der diese Sentenz 1540 an die Wand des Rathaus gepinselt hat – im Auftrag des Rates und im Rahmen der Neugestaltung des damals schon altehrwürdigen Gebäudes.

Das Rathaus mit seiner bemalten Nordwand, seinem roten Dach und spitzem Turm.

Nordseite des Ulmer Rathauses.

Das Gleichnis von Gesetz und Spinnennetz prangt noch heute im schmalen Feld zwischen dem zweiten und dritten westlichen Fenster im ersten Obergeschoss der Rathaus-Nordfassade, wenn auch der gereimte frühneuhochdeutsche Text schwer zu entziffern ist. Leichter verständlich ist die Weisheit im benachbarten Feld, die im O-Ton lautet: „Vil Gut der Frumm mit Reden stifft, Ein böse Zung vil Leut vergifft.“

Zwar weichen diese beiden kurzen Texte mit den dazugehörigen schmalen Illustrationen im Umfang von den übrigen Fresken ab, doch sie vermitteln einen Eindruck von der Absicht, die der Ulmer Rat mit der Fassadengestaltung seines Domizils verfolgte: Die bunten Bilder und die dazugehörigen Reime sollten die Betrachter zur geflissentlichen Nachahmung ermuntern. So geriet das Ulmer Rathaus zu einem erbaulichen Bilderbogen, dessen Ostseite unter den Stichwörtern „Göttliche Weisheit“, „Selbsterkenntnis“, „Gerechtigkeit“, „Geduld“, „Liebe“, „Hoffnung“, „Glaube“, „heimlicher Neid“ und „kindischer Rat“ vorwiegend biblische Beispiele, wie das vom verlorenen Sohn, von König Salomo, Hiob, David & Goliath etc. vor Augen führt. Die Nordfassade hingegen zeigt Themen aus der römischen Sagenwelt zu den Themen „Kriegs-Ehrbarkeit“, „männliche Kühnheit“, „Gerechtigkeit“ und „Gehorsam“. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen lag im Geist der Zeit. Auch die Fastnachtsspiele, die in Ulm während des 16. Jahrhun derts aufgeführt wurden, handelten von Hiob, David, Abraham oder hatten bisweilen Themen aus der römischen Mythologie zum Gegenstand.

Auf der Außenwand unter dem Dachgiebel ist ein Holzboot gemalt, auf dem sich einige Männer befinden, die es mit langen Rudern lenken.

© Stadtarchiv Ulm

Südgiebel mit Gemälde der Ulmer Schachtel

Die Szenen an der Rathauswand dürfen jedoch nicht als Ulmer Eigenleistung verbucht werden. Vielmehr stammen die Texte zum Teil wörtlich aus zwei damals in Augsburg gedruckten Büchern, in denen der fränkische Adelige Johannes von Schwarzenberg Ciceros Schrift „De oficiis“ sowie biblische Themen in Reimform aufbereitete und mit zahlreichen Holzschnitten präsentierte. Schwarzenberg ist im Übrigen berühmt wegen seiner schäumenden Pamphlete wider die damaligen Saufrituale.

Von völlig anderem Charakter sind die Bilder an der Südfassade. Deren ursprünglicher Bildschmuck ist nicht überliefert. Als 1905 bei der umfassenden Restaurierung des reichlich ramponierten Rathauses die schon beinahe verschwundene Original-Bemalung rekonstruiert wurde, fiel die Entscheidung, die Südfront neu zu gestalten. In den Südgiebel wurde eine „Ulmer Schachtel“ gemalt, über der die Wappen jener Städte und Länder emporsteigen, mit denen Ulm Handel getrieben hat. Unten ist zu sehen, wie die Ulmer anno 1376 siegreich in die Stadt zurückkehrten: Es war ihnen gelungen, Kaiser Karl IV., der die Stadt belagert hatte, in die Flucht zu schlagen. Die ursprüngliche Bemalung des 16. Jahrhunderts war geschaffen worden anlässlich einer Generalsanierung, die 1540 beendet war. Dabei war der älteste Teil des Komplexes, der Nordflügel, abgerissen und neu gebaut worden. Er hatte ursprünglich dem Handel gedient: 1369 hatten die Sattler das Recht erhalten, ihre Ware in 13 Läden feilzuhalten, weswegen die 1944 hinweggebombte Straße bis damals „Sattlergasse“ hieß. Im Erdgeschoss-Gewölbe hatten die Metzger ihre Fleischbänke. Dieser Nordtrakt wurde 1357 als „Gewandhaus“ bezeichnet, 1362 als „Kaufhaus“. Von diesem ältesten Teil sind nur die Kellergewölbe erhalten, die noch lange Zeit als Gefängnis dienten. Dort wurde ruhiggestellt, wer durch „Juchtzen, Schreyen, Boldern oder anderer Unzucht“ auf der Straße unangenehm aufgefallen war.

Als in den Jahren 1370/71 der Ostflügel an das Kaufhaus gefügt wurde, war noch immer nicht von einem „Rathaus“ die Rede, sondern von einem „neuen Kaufhaus“. Unmittelbar nördlich dieses Komplexes wurde 1389 die „Greth“ errichtet, ein städtisches Lagerhaus, das 1853 abbrannte. Hier, im Mittelpunkt der Stadt, schlug das Herz der damals boomenden Wirtschaft, von deren Kraft das 1377 gegründete Münster zeugt. Es lag nahe, den Sitz der politischen Macht, die ursprünglich in der Pfalz auf dem Weinhof beheimatet war, in das Wirtschaftszentrum zu verlegen. Ein Indiz für diesen Verlagerungsprozess ist, dass das Gewand- oder Kaufhaus 1383 plötzlich als „Gerichtshaus“ bezeichnet wird. Wo der Ulmer Rat zu tagen pflegte, wissen wir erst für die Zeit von 1346 an. Damals versammelte er sich im Barfüßerkloster auf dem nachmaligen Münsterplatz. Spätestens seit 1395 aber hatte er eine eigene Ratsstube im Kaufhaus, das 1419 endlich „Rathaus“ genannt wird.

Sieben Jahrzehnte später, 1488/89, schrieb der Dominikanerfrater Felix Fabri: „Das Rathaus ist hervorragend und schön. Es hat einen auf allen Seiten vergoldeten Glockenturm und viele Gemächer, auch eine große Glocke, welche die Stunden schlägt und auf deren Schlag auch der Wächter auf dem Kirchturm der heiligen Jungfrau [Münster] eine große Glocke anschlägt.“ Die älteste Ulmer Stadtansicht stammt aus jener Zeit. Sie zeigt den Südgiebel des Rathauses noch mit gotischen Blendnischen und mit steigenden Zinnen, die beim Umbau 1539/40 durch die fili granen Säulen und Brücken ersetzt wurden. Die kennzeichnen seither den Rathausgiebel. Verändert wurde damals auch das Erker-Türmchen an der Südost-Ecke. Dort hinein sind, der Sage nach, Ratsmitglieder gesperrt worden, die gegen ihre Ver schwiegenheitspflicht verstoßen hatten. Dem Durchmesser des Türmchens zufolge scheinen dies damals weniger gewesen zu sein als heute. Allerdings war es zu Fabris Zeiten höher. Fabri berichtet nicht nur über das Aussehen des Rathauses. Von ihm wissen wir auch, dass die Ulmer, als sie anno 1473 dem damaligen Kaiser Friedrich III. huldigten, dies vor dem Rathaus taten und nicht mehr, wie zuvor üblich, im Pfalz-Bereich. Fortan standen die Herrscher bei solchen Huldigungen auf der Kanzel an der Ostseite des Rathauses.

Grauer Balkon im ersten Stock des Rathauses, dessen Geländer mit kunstvoll geschwungenen Steinbögen verziert ist.

Der Balkon an der Ostseite

Eine Huldigungsszene, wie sie am Freitag, 18. Juli 1543 um 18 Uhr anberaumt war, hat der Chronist Sebastian Fischer festgehalten: Karl V. zeigte sich auf dem Balkon, der mit Samt und Damast verhängt und mit einem Baldachin aus rotem Samt überdacht war. „So ist der Kaiser drauf gestanden, und neben ihm einer mit dem bloßen Schwert, und einer auf der anderen Seite, der dem Volk den Eid vorgegeben hat. Also hat man ihm geschwo ren, dass man ihm hold und günstig sein wolle und gehorsam in allen aufrechten, redlichen Sachen.“ Beiläufig teilt Fischer noch mit, dass von diesem Balkon aus üblicherweise die Todesurteile verlesen wurden. Nachdem mit der 1356 verabschiedeten Goldenen Bulle feststand, dass die Wahl des Kaisers durch sieben Kurfürsten zu erfolgen hatte, wurde es Mode in vielen deutschen Städten, die Rathäuser mit den steinernen Figuren dieser Kurfürsten und des Kaisers zu verzieren. Dafür entschieden sich auch die Ulmer, als sie um 1420 die südöstliche Partie ihres Rathauses im ersten Obergeschoss mit repräsentativen Prunkfenstern versahen. Die gehörten zum neuen großen Ratssaal, der über der dreischiffigen Kaufhalle eingezogen wurde. Diese vergrößerte Tagungsstätte wiederum war notwendig geworden, nachdem der Rat infolge der Verfassung des Großen Schwörbriefs von 32 auf 72 Mitglieder angewachsen war.

Anders als in anderen Städten zeigt der Ulmer Figurenzyklus neben den sieben Kurfürsten und einer Kaiserfigur auch noch den König von Ungarn, der unter den Kurfürsten nichts verloren hat. Diese Merkwürdigkeit hat diplomatische Gründe: Damals, zwischen 1420 und 1433, gab es keinen deutschen Kaiser, weswegen dieser am östlichen Ulmer Rathausfenster von Karl dem Großen verkörpert wird. Doch stand zu erwarten, dass der deutsche König Sigismund, der auch König von Ungarn war, eines Tages zum Kaiser gekrönt würde, was dann auch der Fall war. Sigismund war überdies seit 1420 König der Böhmen, die ihm aber bis 1436 die Anerkennung versagten. Der König von Böhmen wiederum war einer der sieben Kurfürsten. Diese Situation erklärt die Figuren an der Ostfassade: links steht der König von Ungarn (Sigismund), rechts der siebente und letzte Kurfürst, der König von Böhmen (ebenfalls Sigismund) und in der Mitte Karl der Große, mit dem sich Sigismund als Kaiser in spe ebenfalls identifizieren konnte. Er dürfte mithin die Rathaus- Ostfenster, die Hans Multscher geschaffen hat, nicht nur aus Gründen der Ästhetik mit großem Wohlgefallen betrachtet haben. Bevor Multscher 1427 nach Ulm kam, standen bereits die Figuren an den Südfenstern. Sie zeigen die sechs übrigen Kurfürsten: den Markgraf von Brandenburg, den Herzog von Sachsen, den Pfalzgraf bei Rhein, den Erzbischof von Köln und den Erzbischof von Mainz.

An der Wand des Rathauses sind ein großes Ziffernblatt und darüber ein kleineres Ziffernblatt mit jeweils goldenen Zeigern angebracht. Die Ziffernblättern sind von farbenfrohen Malereien umgeben.

© Stadtarchiv Ulm

Alle finden sie wunderschön, aber kaum einer versteht sie: die astronomische Uhr im Ostgiebel. So sehr ihre vier Zeiger und zahlreichen weiteren Elemente verwirren, folgen sie doch einem recht einfachen Prinzip: Der Betrachter steht in der Mitte des Zifferblattes und wird umkreist von der Sonne, dem Mond und den Tierkreiszeichen. Steht die Sonne oben, ist Mittag. Doch würde es hier zu weit führen, die insgesamt 14 Funktionen dieser Uhr zu erklären. Die astronomische Uhr des Ulmer Rathauses scheint im 16. Jahrhundert eine solche Sensation gewesen zu sein, dass sie in einem 1566/67 gereimten Lobgedicht auf Ulm als einmalig in ganz „Teutschland“ gepriesen wird. Allerdings scheint ihr Räderwerk damals nicht gerade in bestem Zustand gewesen zu sein, bis der Ulmer Rat 1580 den Straßburger Star-Uhrmacher Isaak Habrecht mit der Reparatur beauftragte. Heute steuert ein modernes Uhr werk den komplexen Mechanismus.

Konstruktion zweier großer, runder Scheiben in Form von Flügeln, die an der Decke aufgehängt ist.

Das Innere des Rathauses ist im Bombenhagel des 17. Dezember 1944 weitgehend zerstört worden. Es wurde Ende der 80er Jahre noch einmal gründlich umgebaut, und seither hängt im Lichthof eine Nachbildung des Hängegleiters von Albrecht Ludwig Berblinger. So hieß der „Schneider von Ulm“, der 1811 mit seinem durchaus flugtauglichen Gerät aufgrund ungüstiger Thermik unsanft in der Donau landete.

Am Rathaus sind verschiedene Fahnen angebracht, die im Wind wehen.

Schwörmontagsbeflaggung am Rathaus

Eine kleine Kostbarkeit hat in einem der östlichen Ratsfenster die Jahrhunderte überlebt: eine Glassonnenuhr. Sie kann jedoch nur die vormittäglichen Stunden zeigen, was insofern egal war, als der Ulmer Rat zur Reichsstadtzeit nur vormittags tagte. Der Zeitanzeiger konnte jedoch nicht verhindern, dass die Sitzungen viel zu lange dauerten, wie wir aus zahlreichen diesbezüglichen schriftlichen Ermahnungen wissen.

Am prächtigsten präsentiert sich das Ulmer Rathaus in der Woche vor dem Schwörmontag, den die Stadt am zweitletzten Montag im Juli feiert. Aus den Fenstern hängen dann die Wappentücher der Ulmer Patrizierund Kaufmannsfamilien, und zahlreiche Fahnen erinnern an die Ulmer Geschichte, die seit Jahrhunderten von dieser Stelle aus gestaltet wird.

Text: Henning Petershagen