Stadt Ulm - Ulmer Innovationsgeschichte(n)

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Ulmer Innovationsgeschichte(n)

Postkartenbild eines Setra-Busses

Eine Innovationsregion war Ulm schon zu einer Zeit als dieser Begriff noch gar nicht erfunden war. Industriepioniere brachten die Stadt im 19. Jahrhundert durch ihre Erfindungen und neue Produktionsverfahren frühzeitig an die "Spitze im Süden". Ein anderer Ulmer "Tüftler", der zwar wenig mit Industrie zu tun hatte, soll nicht unerwähnt bleiben: Albert Einstein! Der spätere Nobelpreisträger ist in Ulm geboren.

Das Berblinger Fluggerät

Nach seinem missglückten Flugversuch 1811 wurde Berblinger zunächst Gegenstand von Karikaturen und Spottgedichten. Heute gilt er als vielseitiger Mechaniker und Flugpionier, der erstmals einen halbstarren Hängegleiter konstruierte. Zur Verbindung der beiden Schwingen nutzte er ein Streckgelenk, das er bereits bei der ebenfalls von ihm initiierten Herstellung künstlicher Gliedmaßen entwickelt hatte.
So steht Berblinger als bemerkenswerte Persönlichkeit am Anfang einer Reihe innovativer Handwerksmeister und Tüftler, die mit ihren Ideen und Produkten die Grundlagen für die weit über die Stadtgrenzen hinaus wirkende technisch-industrielle Entwicklung Ulms legten.

Porträtbild von Conrad Magirus

Der Kaufmann Conrad Dietrich Magirus (1824-1895) überließ den Verkauf von Ellenwaren lieber seiner Frau und widmete sich ganz dem Feuerlöschwesen der Stadt Ulm, das er als Kommandant der freiwilligen Feuerwehr ständig verbesserte. 1867 gründete er eine Fabrik für Feuerwehrrequisiten, die seit 1875 zu einem großen Unternehmen ausgebaut wurde. Schon 1872 war die erste fahrbare, freistehende Leiter, die weltbekannte „Ulmer Leiter“ entstanden, der 1892 die erste Kraftfahr-Drehleiter folgte. Ist so der Name Magirus bis heute ein Synonym für Brandschutz, begann 1916 auch die Fertigung von Lastkraftwagen. 1936 fusionierte Magirus mit der Humboldt-Deutz-Motoren AG, seit 1975 gehört Iveco Magirus zum Fiat Konzern.

Postkartenbild eines Setra-Busses

1893 eröffnete der aus einer Schiffbauerfamilie stammende Karl Kässbohrer (1864-1922) eine Fabrik für die Herstellung von Wagen und Kutschen, in der schon um 1900 moderne Pferde-Omnibusse gefertigt wurden. 1907 setzte er einen solchen Aufbau, eine Karosserie, auf fremde Auto-Fahrgestelle und wurde so zum Karosseriebauer für Busse und LKWs. Bereits 1928 wurde ein PKW-Aufbau „selbsttragend“ konstruiert, d.h. die Karosserie diente zugleich als Fahrgestell. 1950 führte Otto Kässbohrer dieses bis heute gültige Konstruktionsprinzip in den Bus-Bau ein und schuf mit dem SETRA einen legendären Markennamen. Kässbohrer baute auch Lastwagen, für die er die Luftfederung und den kugelgelagerten Drehkranz für Anhänger entwickelte.
Der berühmte „Pistenbully“ für den Einsatz in Bergen und Schneelandschaften geht auf eine Idee Karl Kässbohrers aus dem Jahr 1967 zurück, die schon zwei Jahre später in einen Prototyp umgesetzt wurde.

Stapelgeschirr

Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill stehen für die Gründung der schon legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung. Auf der Grundlage wissenschaftlich-rationaler Methoden und einer berechenbaren Ästhetik galt das Interesse vorbildlichem Bau- und Industriedesign sowie einer zukunftsweisenden visuellen Kommunikation. Im Baukomplex der Hochschule, in vielen Produkten, etwa denen der Firma Braun, und in den von Otl Aicher entworfenen Piktogrammen sind Form und Funktion in beispielhafter Weise verbunden. Die HfG bestand von 1953 bis 1968; ihr Einfluss ist bis heute weltweit zu sehen und zu spüren.

Ab 1944 verlagerte Telefunken wichtige Arbeitsgebiete schrittweise nach Ulm: So ent-standen das Röhrenwerk und das Anlagenwerk sowie ab 1955 das Forschungsinstitut, das durch seine wegweisenden Forschungserfolge, etwa in der Glasfaser-Übertragung, der Sprach- und Muster-Erkennung, den Boden für die „Wissenschaftsstadt Ulm“ bereitete. Komponenten, Anlagen und komplexe Systeme der Kommunikations-, der Sicherheits-und der Verteidigungstechnik gingen und gehen von Ulm aus in die Welt. Heute verbirgt sich das Telefunken-Erbe in Ulm hinter Unternehmensnamen wie EADS, TELEFUNKEN RACOMS, TEMIC SDS Sprachdialog-Systeme und Daimler Research and Technology Ulm.

Im Jahr 1838 wies der Apotheker Gustav Leube nach, dass der Kalkmergel des Blautals sich zur Herstellung von hydraulischem Kalk, also eines unter Zugabe von Wasser erhärtenden Bindemittels, eignete. Was zunächst mit kleinen Versuchsmengen aus der Apotheke begann, machte Leube rasch weit über Ulm hinaus bekannt: Die Fabrikation von Zement.
In kluger Verbindung von Theorie und Praxis begann er, gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm, schon ein Jahr später in Ehrenstein mit der Zementproduktion. Auch Eduard Schwenk war Teil dieser wachen bürgerlichen Gesellschaft, die neben Bildung und Wissenschaft auch fortschrittlichem Wirtschaftsdenken und -handeln verpflichtet war. Als er die Entwicklung seines Betriebes, eines Kupferhammers, durch den Bau der Bundesfestung gefährdet sah, machte er aus der Not eine Tugend und stieg 1847 erfolgreich in die Zementproduktion ein. Gemeinsam mit anderen Baustoffunternehmen machte er in der Folgezeit Ulm auch zu einem Zentrum der deutschen Kunststeinindustrie. Heute ist das Familienunternehmen Schwenk-Zement weltweit tätig.

1854 als eine der ersten Landmaschinen-fabriken Deutschlands von den Gebrüdern Albert und Wilhelm Eberhardt gegründet, entwickelte sich das Unternehmen aus kleinen Anfängen bald zu einer weltbekannten Fabrik und zum Marktführer für Bodenbearbeitungsgeräte. Dank ihrer hohen Qualität und innovativen Technik waren vor allem Eberhardt-Pflüge Exportschlager. Das Unternehmen bestand bis 1980, der Markenname ist bis heute mit Ulm verbunden.

Die Wirkung von „elektrischen Lohtannin- oder Fichten(nadel)bädern“, bei denen Gleichstrom zu Heilzwecken benutzt wird, ist bekannt. Kaum jemand kennt jedoch den Erfinder und seine Geschichte: Der 1843 bei Nagold geborene Gerbermeister Johann Jakob Stanger hatte sich seit 1887 beträchtliche elektrotechnische Kenntnisse angeeignet. Das von ihm entwickelte Verfahren, die durch elektrischen Strom „verstärkte“ Gerberlohe zunächst als Heilbad zu nutzen, wurde 1896 patentiert. Mit dieser nicht zuletzt kostengünstigen Anwendung leistete Stanger einen wichtigen Beitrag zur besseren medizinischen Versorgung breiter Bevölkerungsschichten.

Wer denkt an Hüte, wenn im Auto der elektronische Fensterheber automatisch stoppt, bevor die Finger geklemmt werden können? Die Geschichte dieser Erfindung begann 1800, als der Hutmachermeister Leonhard Mayser (1775-1839) eine Hütefertigung in der Sterngasse gründete. Der Betrieb setzte früh Maschinen ein, wuchs und zog 1903 in das Gebäude in der Örlingerstraße, heute noch Firmensitz. Die weltweit bekannte Firma „Hut Mayser“ produzierte seit 1970 auch Textilien und Kunststoffe. Dabei entstand ein druckabhängig elektrisch leitfähiges Material. Heute ist das Ulmer Traditionsunternehmen als MAYSER POLYMER ELECTRIC führend in Schalt-Leisten und -Matten für Industrie, automatische Türen und Sicherheitstechnik aller Art bis hin zu den bekannten Fensterhebern in unseren Autos.

Die rasante Entwicklung der Luftfahrt, aber auch die tiefe Verstrickung eines Ingenieurs in das Kriegsgeschehen wird bei dem in Ulm geborenen Robert Lusser (1899-1969) deutlich. Nach seinem Studium entwickelte er bei Klemm in Böblingen den Urahn des Leichtflugzeugs, die KL 25. Zu Beginn der 1930er Jahre war er bei Messerschmitt als Chef des Entwurfsbüros an der Entwicklung der Flugzeuge Me 108 Taifun, Me 109 und Me 110 beteiligt, bevor er 1938 bei Heinkel als technischer Direktor für den ersten Düsenjäger der Welt, die He 280, verantwortlich zeichnete. Anschließend arbeitete Lusser bei Fieseler und entwickelte dort die Fi 103, die als V1 bekannt wurde. Nach Kriegsende war Lusser in den USA, wo er im Jet Propulsion Laboratory und später bei Wernher von Braun arbeitete. Seine Formel zur Berechnung der Zuverlässigkeit von komplexen Raumfahrtsystemen wurde als „Lusser’s Law“ bekannt. Nach der Rückkehr nach Deutschland arbeitete er für Messerschmitt-Bölkow. Zu seinen Erfindungen aus dieser Zeit zählt auch die „Lusser-Bindung“ für Touren-Ski.

Seit 1912 begleitet und initiiert die von Heiner Ulrich gegründete Firma Entwicklungen auf dem Gebiet der Medizintechnik. 1935 wurde erstmals ein Magen-Darm-Nährapparat konstruiert, 1952 das erste künstliche Fingergelenk der Welt entwickelt und 1958 die erste deutsche Herz-Lungen-Maschine gebaut. Meisterleistungen, die, bei immer differenzierteren Anforderungen der High-Tech Medizin, bis heute ihre Fortsetzung finden und weltweit zur Anwendung kommen. Wie etwa der in der Röntgendiagnostik verwendete CT-Hochdruckinjektor. Stand schon die Betriebsgründung 1912 in engem Zusammenhang mit der Eröffnung der neuen städtischen Klinik, ist heute die Kooperation mit den Universitätskliniken, Instituten und Science Parks zu einem unabdingbaren Faktor des gegenseitigen Wissenstransfers geworden.