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Ulm für Einsteiger

Außenansicht des Universitäts-Gebäudes bei sommerlichem Wetter und blauem Himmel

ULM: Das klinge, so hat der schwäbische Schriftsteller Thaddäus Troll einmal geschrieben, als würde jemand mit einem großen Knödel im Mund zu sprechen versuchen, ur-schwäbisch halt.
Heutzutage kann sich das dagegen sehr "unschwäbisch" anhören, wenn jemand in Ulm den Namen der Donaustadt ausspricht.
Das hängt vor allem damit zusammen , dass inzwischen Menschen aus über 140 verschiedenen Nationen in der Münsterstadt leben, nicht einmal jeder zweite Ulmer ist hier geboren. Es gibt viele gute Gründe, um nach Ulm zu ziehen. Die beiden am häufigsten sind sicher: Studium und Arbeitsplatz. Das wiederum hängt zusammen mit der Wissenschaftsstadt, deren Mittelpunkt die 1967 gegründete Universität ist.

Die Universität Ulm ist heute (zusammen mit dem Universitätsklinikum) nicht nur der größte Arbeitgeber in der Stadt, die früher vor allem ein Zentrum des Fahrzeug- und Maschinenbaus gewesen ist (Kässbohrer, Magirus, Wieland). Die Universität ist auch eine Einrichtung, auf die die Ulmer mit Recht stolz sind. Denn die immer noch namenlose Hochschule wurde dem Land Baden-Württemberg Anfang der 60er Jahre regelrecht "abgetrotzt", so jedenfalls umschreibt die universitäre Geschichtsschreibung die Anfänge der kleinen naturwissenschaftlichen Alma Mater mit ihren rund 12.000 Studierenden. Ulmer Bürgerinnen und Bürger hatten sich damals in einer "Bürgerinitiative" (das Wort gab es noch nicht) zusammengetan und sich mit einer "Denkschrift" an das Land gewandt.

Außenansicht des Münsterplatzes mit Münster und Stadthaus

Doch nicht nur die Universität auf dem Oberen Eselsberg (der seinen Namen daher hat, dass im Mittelalter nur Esel die steilen Pfade erklimmen konnten) ist Zeugnis Bürgerschaftlichen Engagements (ein Wort, das in Ulm groß geschrieben wird). Imponierendstes Beispiel ist das Ulmer Münster. Beeindruckend an ihm ist nicht nur die Höhe des 1890 fertiggestellten Hauptturms, der mit 161,5 Metern immer noch der höchste Kirchturm der Christenheit ist, sondern auch die Tatsache, dass diese Riesenkirche für 20.000 Menschen (bei der Grundsteinlegung 1377 hatte Ulm kaum 10.000 Einwohner) ausschließlich mit dem Geld Ulmer Bürger finanziert wurde. Die besten Baumeister ihrer Zeit, wie Heinrich Parler und Ulrich von Ensingen, haben am Münster mitgebaut, berühmte spätgotische Künstler, wie Jörg Syrlin und Martin Schaffner, das Innere gestaltet.

Typisch ulmisch ist aber nicht nur das Münster. Ulmisch ist auch, was seit 1993 in strahlendem Weiß am Rande des Münsterplatzes steht: das Ulmer Stadthaus. Erbaut von dem amerikanischen Architekten Richard Meier und zunächst im Zentrum heftigster Kritik, ist es inzwischen zu einer der ersten Veranstaltungsadressen in der Stadt geworden. Tradition und Moderne, Alt und Neu, Bewahren und Aufbrechen zu neuen Ufern, das ist der Kontrast, der die Stadt prägt, manchmal für Konfliktstoff sorgt, aber auch dafür, dass die Ulmer nicht verschlafen in Schatten des Münsters dahindämmern.

Die Hochschule für Gestaltung

Ziemlich ausgeschlafen waren hingegen die Protagonisten einer anderen Ulmer Institution: der Hochschule für Gestaltung. 1955 wurde die inzwischen selbst zu Legende gewordene Bauhaus-Nachfolgerin eröffnet, initiiert von Inge Aicher-Scholl, der älteren Schwester von Hans und Sophie Scholl, deren Vater erster Ulmer Nachkriegs-Oberbürgermeister war, Inges Ehemann Otl Aicher und dem Schweizer Max Bill. Zwar musste die Hochschule 1968, unter anderem wegen Geldmangel, schließen, doch noch heute lässt "ulm" (diesmal kleingeschrieben!) weltweit Architekten und Designer aufhorchen.

Bilder vom Nabada 2015 auf der Donau

Wer wissen möchte, wie die Ulmer sind (und selbst einer werden will), sollte sich den vorletzten Montag im Juli freihalten: dann ist in Ulm Schwörmontag, eindeutig der Ulmer Feiertag schlechthin. Die halbe Stadt ist auf den Beinen, wenn der Oberbürgermeister um 11 Uhr seinen öffentlichen Rechenschaftsbericht vom Balkon des Schwörhauses ablegt und beim Klang der Schwörglocke vom Münster mit 600 Jahre altem Text gelobt, „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein“. Spätestens am Nachmittag ist dann auch die andere Hälfte der Stadtgesellschaft dabei, wenn es zum „nabaden“ geht. Das „Nabada“ - Hochdeutsch "Herunterbaden" - ist ein fröhlich-chaotischer Wasserumzug auf der Donau, an den sich eine Riesenparty in der Friedrichsau und auf vielen Plätzen in der Stadt anschließt.

Luftbild der Wilhelmsburg

Ulm ist von "Forts" umgeben; ist man im Wilden Westen? Falsch, die Forts, Vorwerke und Bastionen, die sich überall um Ulm und Neu-Ulm - Ulms kleinerer, bayrischer Schwesterstadt am anderen Donauufer gelegen - finden, sind Teil der Bundesfestung Ulm, der größten Festungsanlage Europas. Mitte des 19. Jahrhunderts stampften 8.000 Arbeiter den Schutzwall gegen die französischen Truppen aus der Erde, weil Ulm strategisch wichtig lag, genau auf halbem Weg zwischen Paris und Wien. Von der Superfestung, die bei ihrer Einweihung militärisch bereits wieder überholt war, sind jede Menge Räume und Verliese geblieben. Die Nazis haben einen Teil davon, das Fort Oberer Kuhberg, schrecklich genutzt, als "Schutzhaftlager" für politische Gegner. Auch Kurt Schumacher wurde dort gefangengehalten.

Heute ist im Fort Oberer Kuhberg ein Festungsmuseum und Dokumentationszentrum eingerichtet, dessen Besuch unbedingt lohnt. In der Oberen Donaubastion ist das sehenswerte "Donauschwäbische Zentralmuseum" zu finden, in dem die deutsche Siedlungsgeschichte in Südosteuropa dokumentiert wird. In anderen Festungsteilen haben Jugendclubs und Vereine ihre Räume, die riesige Wilhelmsburg dient ab und zu als Open-Air-Bühne.

Spatz sitzt auf einem dünnen Metallrohr, das am Mund einer Büste angebracht ist und aus dem Wasser fließt, und beugt sich, um aus dem Wasserstrom zu trinken.

© UNT

Was in Hameln der Rattenfänger ist, ist in Ulm der Spatz: eine liebenswerte Symbolfigur. Die Geschichte vom Ulmer Spatz schildert, wie der nestbauende kleine Vogel den Ulmern während des Münsterbaus vormacht, wie ein langer Balken durchs Stadttor zu manövrieren ist: längs nämlich, nicht quer. Dass ein Ulmer Konditormeister später so schlau war, aus dieser Sage, die die Ulmer als nicht sehr helle schildert, eine werbeträchtige Idee zu machen, spricht dagegen für das kaufmännische Talent der Ulmer. Heute bezeichnen nicht nur Ulmer Eltern ihren Nachwuchs manchmal liebevoll als „Spätzle“, sondern „Ulmer Spatzen“ heißt auch ein hervorragender Ulmer Kinder- und Jugendchor und auch die Fußballer des SSV werden so genannt

Das Fluggerät von Albrecht Ludwig Berblinger im Lichthof des Ulmer Rathauses

Eher von trauriger Berühmtheit ist dagegen der „Schneider von Ulm“, Albrecht Berblinger, dessen Flugversuch 1811 aber nicht am unzulänglichen Fluggerät, sondern an fehlender Kenntnis der Gesetze der Thermik scheiterte. Als wirklicher Flugpionier rehabilitiert, erinnert die Stadt inzwischen mit dem Berblinger-Preis für Innovationen in der zivilen Luftfahrt an den Ulmer Schneidermeister und Erfinder.

Der Einsteinbrunnen

Der zweifellos berühmteste Ulmer ist indes Albert Einstein, 1879 in Ulm, in der Bahnhofstraße 20, geboren. Von dem Begründer der Relativitätstheorie, der allerdings nur die ersten 15 Monate seines Lebens in Ulm verbrachte, gibt es zwar keine direkten Bezüge zur Familie Scholl – wohl aber geistige. So heißt das Haus der Ulmer Volkshochschule „Einstein-Haus“. Gründerin der Ulmer Volkshochschule, im ganzen Land in den 50er und 60er Jahren unter dem Kürzel „vh“ bekannt und als geistiges und demokratisch-fortschrittliches Zentrum beachtet, war Inge-Aicher Scholl. Sie war die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, die als Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose 1943 von den Nazis hingerichtet wurden, der Vater, Robert Scholl, war erster Ulmer Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg und hat wesentlich zum Wiederaufbau der zu über 80 Prozent zerstörten Stadt beigetragen.

Noch viel ließe sich über die ehemalige Freie Reichstadt, ihre Geschichte und ihre Menschen erzählen, aber viel besser ist es, sich selbst ein Bild zu machen. Tun Sie´s!