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Die Hochschule für Gestaltung HfG

Ein Regal mit schlichten Tassen und Schalen in weiß, daneben ein hölzerner Hocker. Der Hocker besteht aus zwei parallelen Holzbrettern, die am einen Ende von einem dritten Brett zusammenhalten werden, am anderen Ende von einem dünnen Holzstab.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Die 1953 gegründete Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) war in den Fünfziger und Sechziger Jahren eine der weltweit wichtigsten Schulen für Design. Sie stand und steht für funktionales und reduziertes Design, das etwa das Logo der Erscheinungsbild der Deutschen Lufthansa (1963) prägt. Weiteres Beispiel ist das Geschirr Stapelgeschirr TC 100 (1959) von Hans (Nick) Roericht, das bis heute erfolgreich verkauft wird und z.B. in der Cafeteria des New Yorker Museum of Modern Art in Gebrauch ist. Obwohl international anerkannt und prägend für die künftige Design-Geschichte, schloss die HfG 1968. Heute lassen sich ihre Entwicklung und Einfluss im HfG-Archiv in Ulm nachverfolgen.

Schwarz-weiß-Aufnhame von einem weitläufigen Hügel, auf dem sich die Flachdach-Bauten der Hochschule für Gestaltung erheben.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Gebäude der Hochschule für Gestaltung (1955)

Am Tag, als in Ulm "ulm" zu keimen begann, wurden auch die gängigen Konventionen klein geschrieben, gerade in der Kleiderfrage. So pilgerten denn die Gäste aus Kultur und Politik, wie in der Einladung ausdrücklich gewünscht, im üblichen Straßenanzug aus feierlichem Anlass auf den Ulmer Kuhberg: Es galt an jenem 1. Oktober 1955, die von Max Bill entworfenen Bauten für die Hochschule für Gestaltung einzuweihen, womit diese gleichzeitig als Privatschule offiziell ihre Tätigkeit aufnahm.

Eine internationale Enklave im Nachkriegs-Ulm. Die Dozenten und Studenten kamen aus aller Welt, es verband sie die Suche nach dem Zweckmäßigen und die Ausübung der Kleinschreibung. Ihr "ulm", schon bald zu einem Markenzeichen geronnen, steht heute in der Geschichte des Designs für eine Phase, in der sich die industrielle Produktionsweise mit der Ästhetik einer technischen Kultur in radikaler Konsequenz verbanden.

Schwarz-weiß-Aufnahme einer Frau Mitte 30. Sie hat kurze dunkle Haare, sitzt mit überschlagenen Beinen vor einem Tisch und schaut forsch in die Kamera.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Inge Aicher-Scholl im Jahr 1954.

Gründungsmitglieder der HfG waren unter anderem Inge Scholl (später Aicher-Scholl) - Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl - der Gestalter Otl Aicher im Jahr 1954 und der Architekt Max Bill im Jahr 1954. Die ersten Konzepte für an die Geschwister-Scholl-Stiftung angebundenen Schule entstanden 1947. Gedacht war zunächst an die Gründung einer "Geschwister-Scholl-Hochschule" zur Heranbildung einer "demokratischen Elite" als "ein Gegengewicht gegen die aufkommenden nationalistischen und reaktionären Kräfte", die nach Beobachtung dieses Scholl-Kreises überall wieder Schlüsselpositionen einnahmen.

Inge Scholl knüpfte Kontakte zum amerikanischen Hochkommissar John McCloy und erhielt von ihm schließlich 1950 eine Zusage über eine Million Mark aus dem Reeducation-Fonds, sofern es ihr gelänge, die andere Hälfte in Deutschland über Spenden aufzutreiben. Allerdings wurde die Scheckübergabe 1951 unerwartet blockiert; ein Ulmer Redakteur und ehemaliger Gestapo-Mitarbeiter hatte gegen die Gründer als vermeintliche Kommunisten intrigiert. Erst nach einem Jahr gelang es der legendär hartnäckigen Initiatorin, die Bedenken der US-Behörden zu zerstreuen.

Der Hocker besteht aus zwei parallelen Holzbrettern, die am einen Ende von einem dritten Brett zusammenhalten werden, am anderen Ende von einem dünnen Holzstab.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Ulmer Hocker (1954), entworfen von Max Bill, Hans Gugelot, Paul Hildinger.

Die Ausrichtung der Schule änderte sich, nachdem sich Max Bill im Jahr 1954, der Schweizer Bildhauer, Maler, Architekt und Publizist, auf Bitten Scholls an den Planungen beteiligte. Bill verwarf das bisherige Programm und verfasste im April 1950 mit Inge Scholl ein neues: "Wir betrachten die Kunst als höchste Ausdrucksform des Lebens und erstreben, das Leben als ein Kunstwerk einzurichten. Wir wollen gegen das Hässliche ankämpfen mit Hilfe des Schönen, Guten, Praktischen." 1953 nahm die Schule, mit Bauhäuslern wie Josef Albers, Helene Nonné-Schmidt und Walter Peterhans im Dozentenstab, den Unterricht auf, sich ausdrücklich in der Tradition des Bauhauses sehend, dessen Gründungsdirektor Walter Gropius zwei Jahre später bei der Eröffnung die Festrede hielt.

Bill, selbst Bauhaus-Schüler, stellte sich vor, die Ideen dieser 1933 von den Nazis geschlossenen Institution, in der es noch freie Malklassen gegeben hatte, zu aktualisieren und noch mehr auf die Gestaltung von Gegenständen zu fokussieren. Politische Berufe verschwanden als Ausbildungsziel, eine starke gesellschaftspolitische Ausrichtung jedoch blieb vorhanden, was zur Einmaligkeit der Schule beitrug.

Innenansicht einer hellen Werkshalle mit hohen Fenstern und Betonpfeilern. Auf dem Boden stehen Maschinen und Tische, an denen ein paar Männer und eine Frau technische Arbeiten verrichten.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Metallwerkstatt der HfG im Jahr 1958

An der HfG gab es vier Abteilungen. Die Abteilungen Visuelle Kommunikation und Produktgestaltung, sie war die größte, entfalteten die meiste Wirkung. In ersterer wurden vor allem Informationssysteme und deren theoretische Grundlagen erarbeitet, beispielsweise grafische Plakat Entwurf International Jazz Festival (1964/65) für Firmen und Behörden oder Anzeigevorrichtungen an Maschinen. In der letzteren entstanden Objekte für den alltäglichen wie den produktionstechnischen Gebrauch, darunter Entwürfe oder Studien für UlmerHocker (1954), einen Rasierer, eine Zapfstation und sogar ein Auto. Die Ansätze der zweitgrößten Abteilung - Bauen - kreisten vornehmlich um das Modell einer mobilen Vorfertigungsanlage (1960/61) Abteilung Bauen, 3. Studienjahr mit industriell vorgefertigten Elementen. Die Abteilung Information, die kleinste, die 1965 im Institut für Filmgestaltung aufging, analysierte die sprachlichen Mittel der Masseninformation, die Massenmedien und den Journalistenberuf. Der ursprünglich geplante Studiengang Städtebau blieb unverwirklicht.

Zehn Tanksäulen, von denen jede ein unterschiedliches Design hat, die sich jedoch in ihrer Form und vom Stil her ähneln. Die bestimmenden Farben sind kräftiges Orange, starkes Rot, dezentes Blau und Weiß.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Tanksäulen (1964/65)

Im Mittelpunkt stand jedoch weniger die Arbeit an Einzelentwürfen, sondern an komplexen Lösungen etwa für das Phänomen Verkehr. In interdisziplinär angelegten Studien, ein Spezifikum der HfG, wurde es umfassend analysiert: von der Gestaltung von Triebwägen bis zum Fahrplan, vom Entwurf von Haltestellen bis zum Bushaltestelle (1967/68). "ulm" schließt den Systemgedanken ebenso mit ein wie eine Haltung permanenter Überprüfung.

Schwarz-weiß-Aufnamme eines Mannes Mitte 30, der vor einer Tafel steht. In der rechten Hand hält er ein Stück Kreide, die linke Hand hat er zu einer Geste erhoben. Er hat eine intensive Mimik und sagt etwas zu den Studenten, die vor ihm sitzen.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Tomás Maldonado im Unterricht, 1958

Doch wie stand all dies noch mit freier Kunst in Beziehung? Gar nicht, beschieden einflussreiche jüngere Dozenten wie Otl Aicher, Tomas Maldonado, Walter Zeischegg oder Hans Gugelot, die schon bald auf Konfrontation zu den Vorstellungen Bills gingen. 1957 verließ dieser im Streit die Schule. "es entsteht das ulmer modell: ein auf technik und wissenschaft abgestütztes modell des design, der designer nicht mehr übergeordneter künstler, sondern gleichwertiger partner im entscheidungsprozess der industriellen produktion," schrieb Otl Aicher. In der Grundlagenforschung, in Theorie und Methode leisteten HfG-Angehörige Pionierarbeit. Damit wurde zugleich das heute gängige Berufsbild des Designers geprägt. Für den autonomen Künstler-Entwerfer war da kein Platz mehr.

Zwei kleine Flugzeugmodelle. Auf einer ist das Logo der Lufthansa zu erkennen: Ein mit wenigen Strichen gezeichneten Kranich, der nach oben aufsteigt und von einem Kreis umgeben ist.

© Wolfgang Siol, Ulmer Museum/ HfG-Archiv

Das Logo der Deutschen Lufthansa - ein aufsteigender Kranich - wurde 1962 an der HfG entworfen.

Die Verbreitung der Ulmer Ideen verdankt die HfG nicht zuletzt den Karrieren ihrer Angehörigen. Erstaunlich viele, geschätzt werden 160, erlangten Professuren im In- und Ausland, viele gründeten eigene Büros. Nicht zuletzt haben viele der an der HfG entwickelten Produkte das internationale Design beeinflusst. Noch lange nach Ende der Schule bestimmten ehemalige "ulmer" in Deutschland, was gutes Design ist. Im Ziel dauerhafter Güter, worin der ökologische Gedanke bereits vorformuliert war, äußerte sich die Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Obwohl es zu ihrem Programm gehörte, Gestaltung gerade nicht unter dem Stilaspekt zu betreiben, wirkte die HfG stilbildend.

Schwarz-weißes-Foto von rechteckigen Gebäuden mit großen Fenstern, aus denen helles Licht in die Dunkelheit strahlt. Der Platz davor ist zurückhaltend in rechtwinklige Rasen- und Gehwegflächen gehalten.

© Stadtarchiv Ulm

Gebäude der HfG bei Nacht.

Die HfG befreite die Gegenstände vom Ballast allen "Überflüssigen". Dieser Grundsatz ist in Max Bills Schulgebäude mit seinen regelmäßigen Fassadenelementen programmatisch eingeschrieben: "Roher, glatter Schalbeton, grau, schwer, brutal, dann tritt man ein: auch innen ist der Betonrahmen sichtbar geblieben, die Ziegelwände grellweiss gekalkt, die Beleuchtung schattenloses Leuchtstofflicht. Auch in den Zimmern geweißte Backsteinmauern, graue Betonpfeiler, rohe Holzverschalungen. Vorläufiges, verbunden mit barbarischer Nacktheit und Wucht, asketisch, aber befreiend. barbarisch materialisierte Ratio", schilderte der Radioessayist Bernhard Rübenach Ende der 50er Jahre seinen Eindruck.

Wenn selbst bei aufgeklärten Zeitgenossen wie ihm das Urteil zwischen Befremdung und Faszination oszillierte, so lässt sich ermessen, welch' befremdliche Wirkung "ulm" auf die traditionalistisch orientierte Bevölkerungsmehrheit gehabt haben mag. Die an der HfG kultivierte Ästhetik der Askese fand Verständnis zunächst nur bei einer kleinen Minderheit sowie bei vorausblickenden, designorientierten Unternehmen. An der Schule griffen diese Grundsätze auf den Arbeits- und Lebensstil über, in denen Beobachter Analogien aus dem Gebiet der Religion zu erkennen glaubten.

Schwarz-weiß-Foto von fünf Leuten, die auf einer Brüstung mit der Aufschrift "Hochschule für Gestaltung" sitzen. Sie wirken entspannt und gut drauf und scheinen zwischen 20 und 40 Jahren zu sein.

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Studierende auf der Brüstung der HfG-Terrasse, um 1960

 Die nach amerikanischem Vorbild konzipierte Campusanlage wie die Überschaubarkeit der Schule mit insgesamt nur 637 Studierenden ließen einen eigenen Mikrokosmos entstehen, eine HfG-Kultur: Die hermetisch wirkende Sprache war durchsetzt mit wissenschaftlichen Codes, die Kleidung bevorzugt im grau-schwarzem Existenzialisten-Look und der  HfG-Hocker, Inbegriff der Reduktion, das häufigste Möbelstück. Neu-Studenten wurden die Haare kurz geschnitten, was es zum offiziösen Initiationsritus brachte.

Eine Campus der Hochschule für Gestaltung (1955), mit dem HfG-Gebäude im Vordergrund und einem im Dunst gelegenen Ulm dahinter, wurde immer wieder als symbolhaft für die schwierige Beziehung von Schule und Stadt gedeutet: kristalline Reinheit kontrastierend mit dem Ungeordneten des städtischen Getriebes; hier Zukunft, dort Vergangenheit. Die Berührungspunkte waren tatsächlich nicht allzu groß, was dem Aufblühen gegenseitiger Ressentiments durchaus förderlich gewesen sein mag. Die Schule sei dem Durchschnittsulmer "als Verschandelung des Kuhbergs bekannt", fällte die Studentenzeitschrift "output" ein satirisches Urteil. Umgekehrt gefiel sich die HfG in ihrer Rolle durchaus: „ihr stigma ist exklusivität, ein selbstgewähltes stigma und ein von aussen aufgeprägtes stigma", schrieb Rübenach.


Eine Gruppe von Leuten demonstiert mit Plakaten vor einem Gebäude. Auf einem der Plakate ist zu lesen: "auferstehung des bauhauses - himmelfahrt der hfg".

© Museum Ulm/ HfG-Archiv

Studenten demonstrieren 1968 gegen die drohende Schließung.

Anders als etablierte Schulen konnte die HfG auf kein fertiges Konzept zurückgreifen. Ihrem experimentellen Charakter gemäß wurden die Lehrpläne wie ihre Verfassung kontinuierlich überarbeitet. Mehrmals wechselte das Rektorat. Innere Konflikte und Krisen blieben da nicht aus. 1968 war schließlich eine existenzbedrohende Gemengelage entstanden. Geschwächt durch den Rückzug zentraler Figuren wie Otl Aicher und Tomas Maldonado, die angespannte Finanzlage der Stiftung, Angriffe von außen sowie zermürbende Fraktionskämpfe im Inneren - nicht zuletzt im Zuge der Studentenrevolte -, ist die HfG regelrecht implodiert. Es gelang ihr nicht mehr, eine passende Strategie gegenüber dem Land zu entwickeln, das auf eine Verstaatlichung drängte und die HfG mit der Ingenieurschule (heute FH) verschmelzen wollte.

Vollends an den Abgrund geriet die HfG, als das von der Landesregierung eingeforderte Finanz- und Organisationskonzept ausblieb und der letzte Rektor, Herbert Ohl, im November 1968 den letzten Ausweg, eine Angliederung an die TU Stuttgart, ausschlug. Zu diesem Zeitpunkt war die HfG längst in Selbstauflösung begriffen. Zum 30.9.1968 kündigte die Stiftung den meisten Angestellten, von 180 eingeschriebenen Studenten waren gerade noch 50 aus den Sommerferien zurückgekehrt. Ein Nachfolge-"Institut für Umweltplanung" existierte noch bis 1972. Der Nachlass der HfG sowie der Nachlass Aichers, Zeischeggs und Gondas werden heute vom 1987 gegründeten HfG-Archiv betreut, einer Abteilung des Ulmer Museums.

Die grauen Betonquader der Hochschule für Gestaltung mit ihren orange eingerahmten Fenstern im Vordergrund, im Hintergrund lila schattierter Himmel.

© Stadtarchiv Ulm

Während die HfG zuletzt ihre Magnetwirkung eingebüßt hatte, begann ihr Aufstieg als Mythos. Einen der Stoffe dafür formulierte Dozent Gui Bonsiepe: "Die Auseinandersetzungen um den Fortbestand begannen bereits, bevor die Bauten standen. Neben der politisch motivierten Ablehnung, die durch den dezidierten Antinazismus der HfG verursacht wurde, wirkten auch purer provinzieller Unverstand und kulturkonservative Gesinnungen gegen diese Institution. Denn sie passt nicht in das tradierte Kulturschema."

Als Beweis für das angeblich politisch erzwungene Ende wird bis heute ein - verkürzt wiedergegebener - Kommentar des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger angeführt: "Wir wollen etwas Neues machen, und dazu bedarf es der Liquidation des Alten."

Text: Thomas Vogel