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Berblinger Jubiläumsjahr 2020

Berblinger historisch

© Stadtarchiv Ulm

Albrecht Ludwig Berblinger, dem Schneider von Ulm, gelangen durch tatkräftiges Ausprobieren und Tüfteln beachtliche Innovationen; und zwar nicht nur in der Luftfahrt sondern auch in der Prothetik.

Dies möchte Ulm anlässlich seines 250. Geburtstages im Jahr 2020 würdigen und feiern.

Zu Lebzeiten konnte Berblinger die Früchte seines innovativen Handelns allerdings nicht mehr ernten - im Gegenteil, er verarmte und wurde verspottet. Sein tragisches Scheitern zu Lebzeiten ist demnach auch Mahnung und führt vor Augen, dass wir als Stadtgesellschaft Weitblick beweisen und innovative Ideen nicht nur ermöglichen, sondern auch gezielt fördern sollten. Denn letztendlich braucht es für Innovation nicht nur pfiffige Köpfe, sondern auch eine offene und neugierige Stadtgesellschaft, die sich auf Innovation und Veränderung einlässt.

Ulm richtet im Rahmen des Themenjahrs nicht nur den Fokus auf die historische Figur Berblinger, sondern begibt sich auf die Suche nach dessen Erbe: innovative Köpfe und pfiffige Ideen für die Zukunft - denn Tüfteln, Ausprobieren und innovative Ideen gehören zu Ulm wie das Münster.

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen werden zu gegebener Zeit hier veröffentlicht. Das Thema Fliegen treibt die Stadt Ulm aber auch in diesem Jahr um. Der in Deutschland einzigartige Ganzkörper-Flugsimulator Birdly lädt beispielsweise schon jetzt zum Rundflug über Ulms Altstadt des Jahres 1890.

Berblinger historisch

© Stadtarchiv Ulm

Der junge Berblinger

Albrecht Ludwig Berblinger wurde am 24. Juni 1770 als Sohn des Zeugamtsknechts Albrecht Ludwig Berblinger und seiner Ehefrau Anna Dorothea, geb. Fink, geboren. Er wuchs in dem weitläufigen Komplex des Zeughauses auf, wo sich dem aufgeweckten Jungen in Form von Waffensammlungen, kunstvollen Geräten und Modellen ein vielfältiges und interessantes Anschauungsmaterial bot. Nach dem Tod des Vaters 1783 kam er ins Waisenhaus und musste schließlich, gegen seinen Willen, eine Schneiderlehre beginnen. Die absolvierte er allerdings ebenso glänzend wie die anschließende Gesellenzeit. Nach der Meisterprüfung 1791 und der Heirat mit Anna Scheiffelin gründete er einen eigenen Hausstand. Beruflich war er äußerst erfolgreich, beschäftigte bald bis zu vier Gesellen und erwarb beträchtlichen Haus- und Grundbesitz.

Der vielseitige Handwerksmeister

Mit dem Schneiderhandwerk war der umtriebige Meister jedoch weder ausgelastet noch zufrieden. Er, der nach eigenen Worten „von früher Jugend an eine besondere Neigung zur Mechanik“ hatte, fertigte von 1803 bis 1807 „Kinderchaisen“ und andere Vehikel. Im Jahre 1808 begann er mit der Herstellung von Beinprothesen, die in Form und Funktion überzeugten. Nachdem ein Antrag auf Unterstützung dieses Produktionszweigs vom  bayerischen König abgelehnt wurde, verfolgte er dieses Projekt nicht weiter und strebte anschließend buchstäblich nach Höherem.

Der Traum vom Fliegen

Als Vorbild schwebte ihm der Schweizer Uhrmacher Jakob Degen vor, der 1808 in Wien, aber auch in anderen Städten seine Flugkünste vorführte. Degen hatte einen Flugapparat konstruiert, dessen kreisförmige, spitz auslaufende Schwingen mit einem Hebelmechanismus bewegt werden konnten. Die Flächen waren mit 3.500 Kläppchen versehen, die sich entsprechend der Auf- oder Abwärtsbewegung öffneten oder schlossen. Da Degen klar war, dass der Apparat nicht mit Muskelkraft in die Höhe zu bekommen war, hatte er ihn mit einem Ballon kombiniert. Seit die Brüder Montgolfier 1783 mit einem Ballon aufgestiegen waren, war Ballonfahren als ganz besondere Attraktion en vogue.

Das Prinzip Berblinger

Berblinger wählte einen anderen Ansatz als Degen: Er wollte nicht vom Boden aufsteigen, sondern von der Höhe herabgleiten. Zu diesem Zweck baute er aus Seide, Schnüren und Fischbein einen Flugapparat mit zwölf Quadratmetern Tragfläche, der zwar dem seinerzeit unübertroffenen Modell Degen nachgebildet war, sich in konstruktiven Details jedoch davon unterschied. Sein Fluggerät hatte keine Kläppchen und auch keinen Hebelmechanismus. Nach allem was uns heute bekannt ist, waren die beiden Schwingen im Rücken des Trägers mit einem Streckgelenk verbunden, das festen Halt bot, aber zur Steuerung kleine Ausschläge zuließ. Mit der Konstruktion dieses halbstarren Hängegleiters gab Berblinger die Idee des Schwingenflugs auf und wandte sich dem entwicklungsfähigen Gleitflug zu.

Erste Flugversuche

Am 24. April 1811 machte Berblinger in einer Anzeige im Schwäbischen Merkur die Öffenlichkeit mit seinem Flugapparat bekannt. Zuvor hatte er am Michelsberg, wo günstige Aufwinde herrschten, Flugversuche unternommen. „Wie ein Vogel“ sei er, so ein Augenzeuge „von Gartenhaus zu Gartenhaus gehüpft“. Was sicher lustig aussah, brachte Berblinger die Erkenntnis, dass die Absprunghöhe und die erzielte Weite ein Gleitverhälnis von 1:2 ergaben.

Am 27. Mai 1811 kündigte er den Erstflug „bei günstiger Witterung“ auf den 4. Juni 1811 an. Da seinerzeit der Besuch des württembergischen Königs in seiner neu erworbenen Stadt bevorstand, gedachte das eigens gebildete Festkomitee, ihn mit einem besonderen Spektakel zu erfreuen. So wurde mit Berblinger der 30. Mai 1811 als Flugtermin vereinbart. Ort des Geschehens war die 13 Meter über der Donau gelegene Adlerbastei, auf der Berblinger ein sieben Meter hohes Holzgerüst errichten ließ, von wo aus er die 40 Meter breite Donau überqueren wollte. Die über fließenden Gewässern herrschenden Abwinde, die schließlich zu den fatalen Folgen führten, waren ihm nicht bekannt.

Am 30. Mai 1811 erschien König Friedrich mit großem Gefolge und Tausende von Zuschauern warteten gespannt auf das Schauspiel. Doch da ein Flügel brach, konnte der Flug nicht stattfinden. Der König reiste ab, nicht ohne Berblinger eine Gratifikation zu gewähren und der Stadt 2.000 Gulden für die Anlage der Friedrichsau zukommen zu lassen. Schon einen Tag später fand dann der zweite Versuch statt. Berblinger stand blass auf dem Gerüst, tänzelte, wahrscheinlich um den erhofften Aufwind zu spüren, nervös hin und her, und als er schließlich sprang, landete er zum Gaudium der Zuschauer in der Donau.

Persönliche Folgen

Von Hohn und Spott begleitet, verschwand Berblinger spurlos aus der Stadt. Erst 1812 hörte man wieder von ihm, als er versuchte, zunächst als Regimentsschneider beruflich wieder Fuß zu fassen. Dies gelang trotz aller Bemühungen nicht und so folgte der wirtschaftliche und persönliche Niedergang. Im Jahr 1819 wurde er als sozusagen „civiliter mortuus“ bezeichnet und fiel der städtischen Armenfürsorge anheim. Am 28. Januar 1829 starb Albrecht Ludwig Berblinger völlig verarmt an „Abzehrung“ und wurde sang- und klanglos in einem Armengrab beerdigt.

Frühe Rezeption

In der öffentlichen Wahrnehmung erschien Berblinger, unter Ausblendung seiner technischen Leistung und  persönlichen Tragik, als komischer Vogel. In einer Mischung  aus heimlicher Bewunderung und Schadenfreude, wurde er noch zu Lebzeiten als „Schneider von Ulm“ Gegenstand von Spottgedichten und wurde später als Karikatur auf Postkarten vermarktet, um damit den Bekanntheitsgrad der Stadt zu steigern.
Auch in die Welt höherer Unterhaltung hielt er Einzug. So wurde 1866, quasi als Höhepunkt dieser ersten Phase öffentlicher Rezeption, die von Gustav Pressel komponierte Oper „Der Schneider von Ulm oder Der König der Lüfte“ mit großem Erfolg in Ulm und Stuttgart aufgeführt.

Trendwende und heutige Sichtweise

Eine Trendwende in der Einschätzung Berblingers leitete dann der 1906 erschienene bürgerliche Entwicklungsroman „Der Schneider von Ulm“ ein. Der Dichteringenieur Max Eyth, selbst ein Wanderer zwischen zwei Welten, der seinen Lebensabend in Ulm verbrachte, schrieb die Geschichte des technisch begabten „Brechtle“ als die „eines zwei Jahrhunderte zu früh Geborenen“.

1938 wurde dann, unter Vorsitz des Ulmer Kulturreferenten Carl Kraus, eine Berblinger Arbeitsgemeinschaft gebildet. Deren Mitglieder, Eugen Kurz und Otto Schwarz, begründeten dann, historisch und flugtechnisch, die quellenkritische, seriöse Berblingerforschung. Nun fand Berblinger als Pionier des Gleitflugs weithin die ihm gebührende Beachtung und Anerkennung.

Jahrzehnte später leistete die Fachwelt ihren Beitrag zur Rehabilitierung des Flugpioniers. 1952 erschien in der Schweizer Zeitschrift für Luftfahrttechnik ein Aufsatz von Otto Schwarz. Der Autor beschäftigte sich mit den thermischen Verhältnissen an der Adlerbastei. Er zeigte, dass der Zusammenfluss von Donau und Iller auch bei wärmstem Wetter stetigen Abwind zur Folge hat. Wegen der senkrechten Befestigungsmauer entwickelt sich Gegenwind nicht zum Aufwind, sondern zum Wirbelwind. Kurz gesagt: Berblinger war an einem denkbar schlechten Ort gestartet.

Albrecht Ludwig Berblinger, der als erster Flugpionier das Gleitflugprinzip anzuwenden trachtete, ist 1811 mit seinem Flugversuch in die Luftfahrtgeschichte eingegangen.

Als Berblinger auf das Gerüst über der Adlerbastei stieg, war noch nicht einmal das Fahrrad erfunden. Erst sechs Jahre später unternahm Karl Drais in Mannheim die erste Fahrt mit seiner zweirädrigen Laufmaschine und erst 1825 dampfte in England die erste Eisenbahn über die Schienen. Um 1837 erfand der französische Maler Louis Daguerre die Fotografie. Davon
profitierte 1891 Otto Lilienthal: An einem Hügel hinter Berlin flog er mit seinem Hängegleiter wie wohl bereits zuvor Berblinger in seinen undokmentierten Flugversuchen. Ebenfalls wie Berblinger setzte Lilienthal auf das Prinzip des Gleitflugs, doch diesmal bewiesen Lichtbilder der Welt schwarz-weiss, dass der Mensch auf diese Weise doch fliegen kann.

Berblinger historisch

© Stadtarchiv Ulm

Flugwettbewerbe seit Mitte der achtziger Jahre

Im Geiste der Aufbruchstimmung verbunden mit dem Aufbau der Wissenschaftsstadt, schrieb die Stadt Ulm zum 175. Jubiläum Berblingers  Absturzes Mitte der achtziger Jahre erstmals einen Flugwettbewerb aus. In Erinnerung an Berblingers Wirken stiftete die Stadt Ulm einen Preis, der seinen Namen trägt und der 1988 erstmals vergeben wurde. Mit dem Berblinger Preis werden besondere Leistungen, Entwicklungen und innovative Ideen bei der Konstruktion von Fluggeräten im Bereich der Allgemeinen Luftfahrt ausgezeichnet.

Zu Beginn handelte es sich bei dem Wettwerb um ein besonderes Spektakel mit Nachbauten von Berblingers Flugapparat. Das Fluggerät SchneidAir-Ulm des Münchener Günter Rochelt gewann diesen Wettbewerb. Dem 19-jährigen Sohn Rochelts, Holger Rochelt, gelang es an historischer Stätte als Einzigem, die Donau zu überqueren. Er kugelte sich zwar bei der etwas unsanften Landung am jenseitigen Donauufer einen Arm aus, hatte jedoch den Fallwinden, die Berblinger zum Verhängnis geworden waren, erfolgreich getrotzt.

Der Flugwettbewerb als Innovationswerkstatt

Im Rahmen des Flugwettbewerbs 1996 wurde das erste personentragende, eigenstartfähige und ausschließlich mit Sonnenenergie betriebene Flugzeug prämiert. Beim Flugwettbewerb 2011 wurden ein eigenstartfähiges Hochleistungssegelflugzeug mit lärmarmem, ökologischem Antriebssystem und ein solarbetriebener Motorsegler in Leichtbauweise ausgezeichnet. Als neues Fernziel des Wettbewerbs wurde dann der umweltschonende Langstreckenflug 2020 ausgemacht. Um diesem Ziel näher zu kommen wurde 2013 ein erster Konstruktionswettbewerb durchgeführt. Im Jahr 2016 schrieb die Stadt Ulm einen weiteren Konstruktionswettbewerb aus, mit dem Interesse, gezielt innovative Entwicklungen im Bereich der Allgemeinen Luftfahrt für einen umweltschonenden Langstreckenflug zu finden und zu unterstützen.

Albrecht-Berblinger-Jubiläum 2020

Im Zentrum des Berblinger-Jubiläums soll ein Fest zwischen dem Metzgerturm und der Absprungstelle an der Adlerbastei stehen. Eine audiovisuelle Installation soll an Berblingers Pionierleistung erinnern. Es soll zudem eine Plattform geben, bei der sich Tüftler und kluge Köpfe austauschen können, Open-Air-Kinonächte an der Donau, Ausstellungen sowie eine Bühnenbearbeitung der Lebensgeschichte Berblingers. Wichtiger Baustein ist auch eine bauliche und künstlerische Aufwertung der Adlerbastei zum Gedenken an den Ulmer Pionier.