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Der Ulmer Spatz
Der Spatz ist das inoffizielle Wappentier der Ulmer. Sie identifizieren sich mit diesem Vogel, nennen sich selber, ihren Kinder- und Jugendchor sowie ihre Fußballer vom SSV 1846 „Spatzen", haben einen kupfernen Sperling, der ursprünglich sogar vergoldet war, auf das Dach ihres Münsters gesetzt, packen, wenn sie auswärts Bekannte besuchen, Schokolade-Spatzen ein und schreien an ihrem Nationalfeiertag, dem Schwörmontag, beim nachmittäglichen Nabaden auf der Donau aus Leibeskräften: „Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi!" Und alle vier Jahre, beim Fischerstechen, lassen sie den Ulmer Spatzen gegen den Schneider von Ulm antreten.
© Stadt Ulm
Dieses Gebaren scheint ziemlich spatzenhirnig - angesichts der Legende vom Ulmer Spatzen, die zwar dem Vogel ein glänzendes Zeugnis ausstellt, welche die Ulmer hingegen ziemlich dumm dastehen lässt.
Dieser Geschichte zufolge wollten die Ulmer zum Bau ihres Münsters Holz in die Stadt fahren. Das hatten sie quer auf das Fuhrwerk geladen, weshalb das schmale Stadttor zum Problem geriet. Die Ulmer waren bereits zum Schluss gekommen, dass das Tor abzureißen sei, um der Fuhre die Durchfahrt zu ermöglichen. Da sahen sie einen Spatzen herbeiflattern, der einen langen Strohhalm im Schnabel trug. Als er diesen der Länge nach in eine Nische des Torturmes schob, in der er sein Nest baute, überkam sie die Erleuchtung, und sie legten ihre Balken der Länge nach auf den Wagen. Zum Dank, so heißt es, hätten sie dem Spatzen ein Denkmal aufs Münsterdach gesetzt.
Spatz mit Innenleben
Auf dem Münsterdach steht tatsächlich ein in Kupfer getriebenes Abbild des halmbewehrten Spatzen. Die Bürgergesellschaft „Hundskomödie" hat es 1889 anfertigen und vergolden lassen, um einen Sandstein-Spatzen auf dem Münsterdach zu ersetzen, dem die Verwitterung drohte. Der Kupferspatz ist zwar hohl, aber keineswegs leer. Zunächst hatte er eine Urkunde enthalten, welche den Hersteller und die edlen Spender nannte. Bei der jüngsten Restaurierung wurden ihm Geldstücke, ein Kugelschreiber und ein Souvenir-Münster aus Plastik implantiert. Dieses merkwürdige Sammelsurium soll, so hat der damalige Münsterbaumeister Gerhard Lorenz die Auswahl begründet, späteren Generationen einen Nachgeschmack unserer kontemporären Kunststoff-Kultur vermitteln.
Das Vorgänger-Modell, der Sandstein-Spatz
Der war bei seiner Demontage noch relativ jung. Erst 1858 war er auf dem Langhaus des Münsters gelandet - als Ersatz für einen „Urvogel", der vier Jahre zuvor wegen Baufälligkeit entfernt worden war. Von dieser aus Hohlziegeln gebauten Figur steht nur eines fest: Sie hat keinen Spatzen dargestellt. Als Kronzeuge für diese Behauptung sei der Ulmer Schuhmacher Sebastian Fischer angeführt. Der hat um 1550 eine detailreiche Ulmer Chronik samt einer Beschreibung des Münsters verfasst, das er nicht nur selber vermessen, sondern auch eigenhändig gezeichnet hatte.
Seine Zeichnung zeigt den Vogel auf dem Münsterdach, der eher wie ein Papagei denn wie ein Spatz aussieht.
Der Chronist bemerkt zu dieser Figur:
„Weytter, so ist mir glaubhafftig anzaygt worden, dass der staine groß Fogel uff dem Langkmeinster [Langhaus des Münsters] seye das Mittel der Statt, ich weyß sy aber kain Grund, sunder ist mir also anzaygt worden."
„Weytter, so ist mir glaubhafftig anzaygt worden, dass der staine groß Fogel uff dem Langkmeinster [Langhaus des Münsters] seye das Mittel der Statt, ich weyß sy aber kain Grund, sunder ist mir also anzaygt worden."
Hätte der „steinerne Vogel“ einen Spatzen darstellen sollen, hätte Fischer uns das mitgeteilt.
Dass dieses Federvieh die Mitte der Stadt anzeigen sollte, behauptete auch Münsterpfarrer Elias Frick in seiner 1731 erschienenen Münsterbeschreibung. Auch er spricht von einem „steinernen Vogel" - keine Rede von einem Spatzen. Und die Figur, welche der exakte Kupferstich in jenem Buch zeigt, sieht ebenfalls nicht sehr spatzenmäßig aus.
Die Ulmer Dohle?
Die Ulmer Spatzen-Forschung geht daher davon aus, dass besagte Skulptur ursprünglich eine andere Spezies hatte darstellen sollen, einen Adler etwa, eine Taube oder eine Dohle. Für den Adler wird geltend gemacht, dass die freie Reichsstadt diesen als Symbol in ihrem Wappen führte. Allerdings hat er dort immer die Flügel beide ausgebreitet, was in der Frage Adler oder Taube den Befürwortern der Taube Auftrieb verleiht. Ihr Argument, dass es naheliegt, jenes Friedensgeflügel als Verkörperung des Heiligen Geistes auf ein Kirchendach zu setzen, entbehrt schließlich keineswegs einer hohen Plausibilität.
Mehr aufs Diesseitige zielten die mittlerweile verstummten Interpreten, welche in jener Hohlziegel-Plastik eine Dohle sahen. Ihrer Argumentation kam entgegen, dass jene Vogelart am Münster bisweilen so häufig war, dass sie - wie heute die Taube - zur Plage geriet, daher sozusagen für vogelfrei erklärt und damit der Vernichtung anheimgestellt wurde.
Festzuhalten ist, dass die Artenzugehörigkeit des Münster-Vogels bereits um 1550 nicht mehr zweifelsfrei feststand, obwohl das Münsterdach erst rund 80 Jahre zuvor, nämlich 1471, fertiggestellt worden war. Dieser Umstand hat den Historiker Rudolf Max Biedermann vermuten lassen, dass neben den Portalen, die von der alten Pfarrkirche „ennet felds" in das 1377 gegründete Münster herübergerettet worden waren, auch der First-Vogel von jenem Gotteshaus stammte. Ein solches „Akroterion" - auf deutsch: Giebelverzierung - sei ein typisches romanisches Bauteil, wofür auch das Baumaterial spreche. Die Romanik habe gerne Adler und Tauben für solche Tierbilder herangezogen, erklärt Biedermann und verjagt damit die Dohle aus der Reihe der als Dachzier in Frage kommenden gefiederten Freunde.
Allerdings erhielt in jüngerer Zeit auch der Spatz wieder einen gewissen Aufschwung durch die Interpretation des Sepulkralhistorikers Hans-Martin Ungericht. In seinem Buch über Ulms Alten Friedhof misst er dem Sperling eine tiefere kultische Bedeutung bei, bringt ihn irgendwie mit einem weiblichen Mondprinzip und der Verehrung desselben in Verbindung und sieht daher im Ulmer Altstadt-Grundriss eine Vogelfigur enthalten, die einen Strohhalm im Schnabel hält. Zwar erweckt das Tier, das dieser Sichtweise entsprungen ist, den Anschein, als sei es in der Nähe eines undichten Atomkraftwerkes ausgebrütet worden. Doch immerhin hat es die Ulmer Spatzen-Geschichte um eine mystische, um nicht zu sagen esoterische Variante bereichert.
Auch diese Betrachtungsweise ändert nichts daran, dass weder im 16. noch im 18. Jahrhundert beim Anblick der Figur auf dem Münsterdach irgendjemand an einen Spatzen dachte. Wie aber kam es dann dazu, dass die Ulmer dem Nachfolger jener Vogelplastik ganz bewusst die Gestalt des Spatzen verliehen, der den berühmten Strohhalm im Schnabel trug?
© Stadt Ulm
Der Grund ist, dass zu dem Zeitpunkt, als der Vogel erneuert werden musste, die Legende vom Ulmer Spatzen zum Volksgut geworden war. Biedermann hat erste schriftliche Hinweise auf die Verbreitung jener Sage in Ulm im Jahr 1826 ausgemacht. Er und frühere Spatzologen haben auch nachgewiesen, dass diese Schildbürger-Story zuvor schon in ähnlichen Versionen von anderen Orten erzählt worden war, etwa von Jagel in Schleswig-Holstein. Biedermann vermutet im Ulmer Buch- und Kunsthändler Ulrich Theodor Nübling (1767 - 1837), der als junger Mann acht Jahre lang dem dänischen Militär gedient hatte, den Überträger dieser Sage vom Norden nach Ulm.
In Ulm fand die Legende 1842 ihre erste ausgefeilte Version in Form eines Gedichtes, dessen Autor, der Redakteur Carl Hertzog, dazu bemerkte: „Diese Volkssage hörte ich hier erzählen, soll aber sehr wenig bekannt seyn." Seine Version ist für die Ulmer insofern recht vorteilhaft, als darin der Teufel seine Hand im Spiel hat: Der sichtbare Fortschritt beim Bau des Münsters ärgert den Leibhaftigen, weshalb er (vgl. Turmbau zu Babel) die Münsterbauer in Verwirrung stürzt - mit dem bekannten Ergebnis. Erst der Spatz befreit sie aus ihrer Verblendung.
Weitere Gedichte folgten. Einem davon, 1847 gereimt, ist zu entnehmen, dass bereits damals darüber nachgedacht wurde, den alten Vogel auf dem Münsterdach durch einen neuen Spatzen zu ersetzen. Dies geschah sieben Jahre später. Den bereits erwähnten Sandsteinsperling sponsorte der Kaufmann Groschopf jr. mit 500 Gulden. Seine Tochter heiratete übrigens später einen gewissen Konditor Tröglen, welcher dem Ulmer Spatzenkult eine neue Komponente, nämlich eine kulinarische und damit sehr nachhaltige, verleihen sollte. Doch davon später.
Als Münsterbaumeister Ferdinand Thrän den neuen Sandsteinspatzen anfertigen ließ, stieß dieser keineswegs auf einhellige Begeisterung. Es gab Bedenken religiöser wie denkmalschützerischer Art. Der Sperling mit Halm erhielt zunächst vom Stiftungsrat keine Landeerlaubnis. Auch später noch meinte etwa Eduard Mauch, einer der Mitbegründer des Altertumsvereines, es sei zwar durchaus in Ordnung, wenn eine Gaststätte den Spatzen auf ihr Schild hebe. Doch dass der Volkshumor sich in Spatzengestalt auf dem Münster niederlasse und damit auch noch eine mit der kunsthistorischen Wahrheit unverträgliche Legende gestrickt werde, das sei dann doch entschieden zu viel.
Mit der Gaststätte „Zum Spatzen" ist eine weitere Komponente angesprochen: die kommerzielle. Besagter Gastwirt hatte den legitimen Versuch unternommen, aus der Spatzensage Kapital zu schlagen, indem er seine Kneipe, die ausgerechnet in der Rabengasse lag, „Zum Spatzen" taufte. Und oben erwähnter Konditor Tröglen bescherte seinem Betrieb einen bis heute anhaltenden Erfolg, indem er zwischen 1860 und 1870 den Spatzen in Tragant goss. Er hatte das süße Federtier eingebettet in das Szenario des Torabbruches, wobei der schlaue Konditor dem Tor die Gestalt des Ulmer Neutores verliehen hatte.
© Stadt Ulm
Das nämlich war im Zuge des Abbruchs der mittelalterlichen Tortürme 1860 abgerissen worden. Dagegen hatte es nicht nur seitens des Altertumsvereins Proteste gehagelt. Es lag daher nahe, die tölpelhaften Torabbruch-Pläne aus der Spatzengeschichte in Zusammenhang zu bringen mit den real erfolgten Demolierungen. Das dürfte der Legende zusätzliche Popularität beschert haben.
Nachdem es nun ganz so aussieht, als sei die Spatzensage erst im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Ulm eingetroffen, erhebt sich die nächste Frage: Warum konnte sie hier so dauerhaft landen? Sie musste, um im Bild zu bleiben, einwohlbereitetes Nest gefunden haben. So war es. Und natürlich war diese Brutstätte ein Spatzennest.
In jenen Jahren, in denen die erste Kunde von der Sage über die tumben Ulmer, den Spatzen und den Strohhalm nachzuweisen ist, erschien Wilhelm Hauffs historisierender Roman „Lichtenstein". Darin lässt der Autor den Ulmer Magistrat Befehl erteilen, alle Spatzen totzuschießen, weil ein württembergischer Spion sich in einen solchen verwandelt habe, um aus Ulm zu fliehen. „Man heißt sie, glaub ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen", so denunziert der gebürtige Stuttgarter und Württemberger Hauff in seinem Roman die Bewohner der ehemals freien Reichsstadt.
Mithin muss der Neckname „Ulmer Spatzen" mindestens so alt sein - wenn nicht noch „älter - wie die Ulmer Version der Sage vom Problem mit dem Querbalken. Tatsächlich hatten die Ulmer diesen Spottnamen schon in früheren Jahrhunderten auszuhalten. Über die Herkunft dieser Hänselei gibt es die unterschiedlichsten Mutmaßungen. Eine davon lautet, die Ulmer hatten gegen die jährlichen Spatzenplagen eine Abschuss-Prämie ausgesetzt. Dies behauptete anno 1573 auch der Straßburger Satiriker Johannes Fischart in seinem Gedicht „Flöhhatz", welches das „älteste Zeugnis ist, das die Ulmer mit den Spatzen in Verbindung bringt.
Zwar ist in den Ulmer Gesetzbüchern bisher noch keine Verordnung aufgefallen, welche diese Behauptung stützt; doch sind, der Überlieferung zufolge, die Ulmer Truppen in der Armee des Schwäbischen Kreises als „Spatzenschützen" bezeichnet worden. Derlei Neckereien sind kein spezifisch Ulmer Phänomen; vielmehr wurden und werden auch heute noch die Bewohner anderer Orte mit ornithologischen Necknamen geärgert, etwa die von Eberbach am Neckar, die in den Nachbarorten als „Kuckucke" bezeichnet werden.
Damit wären nun die diversen Keimzellen seziert, aus denen der Ulmer Spatz in seiner heutigen Wesenheit erwachsen ist. Die Geschichte zeigt, dass die Ulmer es verstanden haben, den ursprünglichen Spottnamen in ein Symbol der Schlauheit umzudeuten, mit dem sie sich gerne, wenn auch nicht immer zurecht, identifizieren.
Sie haben es auch verstanden, die Lehre des Spatzen aus dem Bau- und Transportsektor auf eine abstraktere, allgemeingültige Ebene zu heben.
Diese Spatzen-Doktrin, die man auch als volkstümliche Anleitung zum dialektischen Denken verstehen kann, ist formuliert in zwei Zeilen des Ulmer Liedes „Spargala, Wargala".
„… ond gaht des net da grada Weag, na dreah mr's Hälmle rom."
Für Nicht-Ulmer: Und geht es nicht den geraden Weg, dann drehen wir den Halm um.
Text: Wolf-Henning Petershagen Bilddokumente:
Stadtarchiv Ulm, E. Breider UNT, Oliver Schulz SWP
Stadtarchiv Ulm, E. Breider UNT, Oliver Schulz SWP

