Kloster Wiblingen
Barock und Rokoko in Vollendung
© Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH, Tobias Rocholl
Kühl und klar ruht die Luft zwischen den Säulen und Skulpturen in der Bibliothek. Eine Inschrift verspricht einen Ort, an dem „alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft verborgen sind“. Ringsum an den Wänden reihen sich zahlreiche Bücher. Oben wölbt sich ein herrliches Deckenfresko wie ein Himmel über den Saal. Entstanden ist er während einer kulturellen Blütezeit des Klosters.
© Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Zwei Brüder, die Grafen Hartmann und Otto von Kirchberg, hatten das Kloster im Jahr 1093 gegründet. Sie schenkten ihm sechs kleine Holzstücke. Der Wert dieser unscheinbaren Teilchen bemaß sich nicht in Größe oder Glanz. Der Überlieferung zufolge stammten sie vom Kreuz, an dem Jesus gestorben war. Das machte und macht sie für das Christentum so bedeutsam.
Man setzte die Holzsplitter in Form eines Kreuzes mit zwei Querbalken zusammen. Als Reliquie vom Heiligen Kreuz entfalteten sie ihre Wirkung weit über die Klostermauern hinaus. Man glaubte, das Wiblinger Kreuz könne gegen Krankheit, Unwetter und Hexerei helfen. Pilger reisten an, um es zu verehren. Bauern baten darum, ihre Felder damit segnen zu lassen. Dorfbewohner schnitzten Kreuzchen, die sich als Nachahmung des Originals gut verkauften. Das Kreuz spielte also eine gewisse wirtschaftliche Rolle. Für die Mönche war es auch in religiöser Hinsicht ihr kostbarster Schatz.
Die Wiblinger Mönche gehörten dem Orden der Benediktiner an. Leitlinie für ihr Leben waren die Regeln des Heiligen Benedikt, zusammengefasst im Sprichwort „ora et labora“ (bete und arbeite). Der Alltag der Brüder war durchgetaktet mit Gebeten, das Zusammenleben strikt hierarchisch organisiert. Bis auf wenige Ausnahmen durften sie nichts persönlich besitzen, alles gehörte der Gemeinschaft.
Bis zur Erfindung des Buchdrucks war das Abschreiben von Büchern eine zentrale Aufgabe der Mönche. Mit Feder und Tinte saßen sie in der Schreibstube, übertrugen kunstvoll Buchstabe für Buchstabe. So bewahrten sie das Wissen und gaben es weiter. Die Patres kauften auch viele Bücher hinzu, und so wuchs die Sammlung an.
Kloster Wiblingen war nicht nur eine religiöse Gemeinschaft. Es folgte noch einer anderen Bestimmung. Sein Gebiet erstreckte sich über Wälder und Bauernhöfe, teils ganze Dörfer. An der Spitze dieses kleinen Staates stand der Abt. In seinen Händen, den Händen eines Herrschers, vereinte sich die religiöse und politische Macht. Alle Bauern, Handwerker und Tagelöhner waren seine Untertanen. Sie mussten dem Kloster Pacht für die Felder zahlen und ein Zehntel ihrer Erträge abgeben. Nur durch ihre Mühen konnten sich die Mönche ihr neues Kloster im 18. Jahrhundert überhaupt so groß und schön erbauen.
Es war die Zeit des opulenten Barock. Der alte, brüchige Klosterbau wich für wuchtige Gebäude mit Kirche, Innenhöfen und einem „Lustgarten“. Die Zellen der Mönche wurden hell und geräumig, die Gästeappartements geradezu luxuriös. Der Saal für die Büchersammlung wurde zwischen 1740 und 1750 unter Abt Meinrad Hamberger errichtet. Kunsthandwerker füllten den Saal mit Säulen, Skulpturen und Stuck. Sie folgten dem Stil des Rokoko und vollendeten ihn.
© Stiftsbibliothek St. Florian, Franz Reischl
Die Anzahl der Handschriften und gedruckten Werke belief sich auf ungefähr 13.000 Stück und sollte noch auf 15.000 anwachsen. Sie waren ein reicher Fundus sowohl für christliche als auch wissenschaftliche Literatur. Unter ihnen waren Bibeln und theologische Schriften ebenso wie Werke über Naturwissenschaft, Recht oder Philosophie. Es gab auch eine Rubrik der „verbotenen“ Literatur. In diese waren Schriften von Reformatoren wie Martin Luther verbannt, die aus Sicht der katholischen Benediktiner nichts als Irrlehren darstellten.
Von den lebensgroßen Skulpturen vor den Bücherregalen verkörpern vier den religiösen Bereich, vier den wissenschaftlichen. Eine der Figuren symbolisiert zum Beispiel den klösterlichen Gehorsam, indem sie ein angekettetes Ohr in der Hand hält. Eine andere Figur mit Zirkel und Winkel zwischen den Fingern stellt die Mathematik dar. Gefertigt hat die Skulpturen der Bildhauer Dominikus Hermenegild Herberger. Ein weiterer süddeutscher Künstler, Franz Martin Kuen aus dem nahen Weißenhorn, schuf das Deckenfresko. Im Zentrum malte er eine Frau auf einem Thron, umgeben von Engeln. Sie symbolisiert die „göttliche Weisheit“ als alles beherrschende Kraft.
Die Schönheit und Pracht der Bibliothek diente vor allem einem Zweck: Sie sollte die Weltanschauung des Klosters und die Macht seines Oberhauptes repräsentieren. An diesem Ort empfing der Konvent namhafte Gäste wie den Regenten Carl Eugen, Herzog von Württemberg. Kloster Wiblingen war nicht so groß oder reich wie andere, benachbarte Klöster. Aber es hatte sein Territorium und seinen Einfluss im Lauf der Jahrhunderte stetig ausgeweitet. Kriege und Brände, die Pest und interner Verfall hatten es zwar jäh erschüttert, aber nie besiegt. Dann änderte Napoleon die Landkarte Europas.
Auf seinem Weg zum mächtigsten Mann des Kontinents eroberte Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Gebiete, darunter die deutschen Territorien links des Rheins. Als Entschädigung sprach er den deutschen Fürsten unter anderem die Ländereien von Klöstern zu. Wiblingen umfasste zu dieser Zeit mehr als 3.300 Untertanen. Die Mönche wurden vertrieben. Sie kamen andernorts als Pfarrer oder in fernen Klöstern unter. Damit erlosch in Wiblingen die Tradition der Benediktiner. Die Bücher wurden auf andere Bibliotheken verteilt oder versteigert. Nachdem sowohl Baden als auch Bayern und Württemberg das Gebiet haben wollten, fiel es schließlich 1806 an das Königreich Württemberg.
Heute bewahrt das Land Baden-Württemberg als Eigentümer die Gebäude. Auch wenn in den Regalen nicht mehr die ursprünglichen Bücher stehen (von den einst 15.000 Stück ist nur noch ein Bruchteil bekannt), erzielt der Saal bis heute seine Wirkung. Das Wiblinger Kreuz befindet sich in der monumentalen Kirche, in der die katholische Gemeinde Gottesdienste feiert. Es ist gut verwahrt in einem Schrein, hinter Kerzenlicht, umrandet von einem Strahlenkranz. Bis heute vertrauen ihm Menschen ihre Sorgen an.