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Der Schwörmontag

Es ist ein jahrhundertealter Schwur, der jedes Jahr beim Ulmer Stadtfest erklingt. Die Worte wurden im Mittelalter mit Blut erkämpft und sind bis heute gültig. Zu Tausenden versammeln sich die Menschen in der Mittagshitze, um sie zu hören. Der Oberbürgermeister spricht vom festlich geschmückten Balkon herab. In seiner Rede geht er auf die gelösten und noch zu bewältigenden Aufgaben in der Stadt ein. Dann hebt er die Hand und schwört den Bürgerinnen und Bürgern:

„Reichen und Armen
ein gemeiner Mann zu sein
in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen
ohne allen Vorbehalt.“

Der nächste Schwörmontag ist am 20. Juli 2026.

Die Formulierung „gemeiner Mann“ hat nichts mit „Gemeinheit“ zu tun, sondern mit „Gemeinschaft“. Mit ihr verspricht das Stadtoberhaupt also, alle Bürgerinnen und Bürger gleich und gerecht zu behandeln. Das war früher alles andere als selbstverständlich.

Im 14. Jahrhundert gab es in Ulm zwei mächtige Gruppen. Die eine war der Stadt-Adel, die Patrizier, die meist von ihrem Landbesitz lebten und besondere Rechte genossen. Die Patrizier hatten das Sagen, obwohl nur wenige Familien zu ihnen gehörten. Im Rat der Stadt trafen sie alle wichtigen Entscheidungen.

Gegen dieses Machtverhältnis begehrten die Handwerker und Kaufleute zunehmend auf. Sie waren es, die der Stadt Reichtum und Überfluss bescherten. Sie organisierten sich in Zünften wie zum Beispiel der Kramerzunft oder Weberzunft. Ihre Waren wurden bis in ferne Länder transportiert. Dass sie nicht mitbestimmen durften, konnten die Zünfte nicht länger akzeptieren.


Ein aus Pergament bestehendes Papier, das mit alter Schrift beschrieben ist.

Der Große Schwörbrief vom 26. März 1397 wird im Ulmer Stadtarchiv verwahrt. In der Ausstellung im Schwörhaus ist eine Kopie zu sehen.

Der Machtkampf zwischen Zünften und Patriziern entfachte sich auf blutige Weise. Mehrere Chroniken behaupten sogar, die Patrizier hätten eine ganze Reihe von Zunftmeistern hinterhältig ermordet. Tatsache ist, dass die Zünfte letztendlich als Sieger hervorgingen. Fortan saßen auch die Zunftmeister im Rat der Stadt. Diese neue Ordnung wurde 1345 in einer Urkunde niedergeschrieben, die wir heute „Kleiner Schwörbrief“ nennen. Der Brief enthält auch den Schwur, den der Bürgermeister fortan jedes Jahr leistete: „ain gemainer man ze sin richen und armen“.

Auf den Kleinen Schwörbrief folgte 1397 der Große Schwörbrief. Dieser bescheinigte den Zünften eine nochmals stärkere Position: Es gab jetzt zwei Ratsgremien, und beide zusammengenommen hatten die Zünfte 47 Sitze, die Patrizier nur 25. Diese Verfassung hatte mehr als 150 Jahre Bestand. Der Große Schwörbrief ist ein Zeichen dafür, wie sich die Ulmer Bürgerschaft selbstbewusst eigene Regeln des Zusammenlebens gegeben hat. Dies konnte sie, weil Ulm als Reichsstadt politisch weitestgehend unabhängig war.

Die Schwörbriefe änderten nichts daran, dass die meisten Stadtbewohner weiterhin nicht wählen und gewählt werden durften. Das galt etwa für Tagelöhner, Knechte und alle Frauen. Berücksichtigt man jedoch die Zeit, in der die Briefe entstanden sind, so lässt sich sagen: Sie waren ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie - so versteht und feiert Ulm sie heute.

Altes Gemälde mit dem Schwörhaus und Einwohner davor. Unter die Männer haben sich auch ein paar Frauen und Kinder gemischt.

Die Zeremonie vor dem 1612/ 1613 erbauten Schwörhaus.

Zum Schwur versammelten sich alle Einwohner jährlich auf dem Weinhof, dem ältesten Teil der Stadt. Hier schworen sie dem Bürgermeister und Rat ihre Treue, woraufhin der Bürgermeister mit seinem Eid antwortete. Frauen und Kinder durften nicht teilnehmen, manche kamen trotzdem. 1612 legte man den auf dem Platz den Grundstein für ein repräsentatives „Schwörhaus“.

Die Menschen nutzten den Tag zum ausgiebigen Feiern. Es gab Zeiten, zu denen viele Teilnehmer schon während der Zeremonie betrunken waren.

Die Schwörtradition wurde im 16. Jahrhundert durch Kaiser Karl V. unterbrochen. Doch auch wenn er die politischen Verhältnisse änderte, setzten die Ulmer sich hinsichtlich ihres Rituals durch. Einige Jahre später durften sie es wieder feiern.

Dann kam nach das vorläufige Ende, als Ulm durch die Siege Napoleons im Jahr 1802 seinen Status als Reichsstadt verlor. Die Stadt hatte damit keine eigene Verfassung mehr, der Schwur wurde nicht mehr verkündet. Trotzdem verschwand der Schwörtag nie aus den Gedanken und Herzen der Ulmerinnen und Ulmer. Das Feiern jedenfalls ließen sie sich nicht nehmen, auch wenn das politische Zeremoniell nicht stattfand.

Es waren ausgerechnet die Nationalsozialisten, die den Schwörtag wieder einführten. Sie nutzten ihn für ihre Zwecke aus und stellten ihn in den Dienst ihrer menschenverachtenden Ideologie. Anstatt dass der Oberbürgermeister selbst einen Eid leistete, hatten die Bürgerinnen und Bürger ihm absolute Treue zu schwören. Der Tag sollte die Treue zwischen „Führer und Gefolgschaft“ zum Ausdruck bringen. Der Krieg brachte die Festlichkeiten letztendlich aber zum Erliegen.

Den Schwörmontag in heutiger Gestalt verdankt Ulm Oberbürgermeister Theodor Pfizer. Er rückte nach dem Zweiten Weltkrieg den demokratischen Aspekt in den Vordergrund und erweckte in seiner ersten Schwörrede 1949 den alten Schwur zu neuem Leben.

Martin Ansbacher steht auf dem mit Blumen geschmückten Balkon und hat die Hand zum Schwur erhoben.

Der Oberbürgermeister spricht immer vom Balkon des Schwörhauses.

Schwörmontag ist immer am vorletzten Montag im Juli. Um 11 Uhr hält der Oberbürgermeister seine Schwörrede vom Balkon des Schwörhauses. Es ist eine Art Rechenschaftsbericht, in dem er auf das vergangene Jahr zurückblickt und Stellung zu den aktuellen Aufgaben nimmt. Sie dauert eine knappe Stunde und wird von den Menschen vor Ort und noch vielen weiteren in der Live-Übertragung verfolgt. Bei drohendem Unwetter wird die Feier ins Ulmer Münster verlegt, was durch rote Körbe am Münsterturm signalisiert wird. Nach dem Schwur verleiht der Oberbürgermeister im jährlichen Wechsel die Medaille der Stadt Ulm oder den Wissenschaftspreis. Sie gehen an Personen, die für Ulm bzw. die Wissenschaft Herausragendes geleistet haben.

Die Ulmer Tradition des Schwörtags zählt gemeinsam mit denen von Reutlingen und Esslingen am Neckar zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Der Ulmer Historiker Wolf-Henning Petershagen hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir heute ihre Geschichte so gut kennen.

Zwei Teilnehmer des Nabada haben das Gehäuse eines alten Autos, einen VW Käfers, auf ein Boot gebaut. Es sieht so aus, als würden sie in dem Auto auf dem Wasser fahren.

Die Liebe der Ulmerinnen und Ulmer zu ihrem Schwörmontag speist sich zu einem Großteil aus ihrer einzigartigen Feierkunst. Am Nachmittag verwandelt sich die Donau beim „Nabada“ in eine Partymeile. Unzählige Schlauchboote treiben den Fluss hinab (der Name „Nabada“ kommt von „hinab-baden“). Vereine bauen für diesen Tag Schiffe mit riesigen Aufbauten, die die Weltpolitik ebenso wie lokale Aufreger parodieren. Deshalb wird das Nabada zu Recht als eine Art Karnevalsumzug auf dem Wasser beschrieben. Nach dem Nabada wird bis in die Nacht hinein weitergefeiert.

Um den Schwörmontag herum finden so viele Feste und Konzerte statt, dass sich für die Woche vor dem Festtag der Name „Schwörwoche“ etabliert hat. Auf eine jahrhundertealte Tradition gehen das Fischerstechen und der Bindertanz zurück, die im Wechsel jeweils alle vier Jahre stattfinden. Immer am Samstag vor Schwörmontag taucht die Lichterserenade die Donau in ein Meer tausender Kerzen.

Text: Stadt Ulm, Marlene Müller