Navigation und Service

Springe direkt zu:

Ulmer Rede für Europa

Johannes Jung fordert "Qualität, Kooperation und Offenheit"

OB Gönner und SWP-Chefredakteur Becker interviewen Johannes Jung

© Europe Direct Ulm

OB Gönner und SWP-Chefredakteur Becker interviewen Johannes Jung

Am Abend des 28. Juli 2015 hielt Johannes Jung, Leiter der Landesvertretung Baden-Württembergs in Brüssel, eine Ulmer Rede für Europa. Wie traditionell üblich, fand diese in der Galerie der SÜDWEST PRESSE statt und wurde ergänzt durch ein Gespräch mit Herrn Oberbürgermeister Gönner sowie Herrn Ulrich Becker, Chefredakteur der SÜDWEST PRESSE. Auch dem Publikum bot sich die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Johannes Jung fungiert als Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg in Brüssel als Sprachrohr zwischen dem Land und dem Zentrum der europäischen Politik. Damit steht er mit einem Bein in Brüssel und mit dem anderen in Baden-Württemberg, was er als gute Mischung bezeichnet. Klar sei jedoch auch, dass man als Land Baden-Württemberg in Brüssel keine direkte Entscheidungsgewalt bezüglich europäischer Themen habe. Das ginge nur durch den Bundesrat in Berlin. Genauso wenig mache man dort Außenpolitik. Vielmehr bertreibe die Landesvertretung Lobbyismus für Baden-Württemberg.

Gekennzeichnet war seine Rede dadurch, dass Jung sehr facettenreich auftrat. So berichtete er aus seiner Zeit bei der Unternehmensberatung Roland Berger, machte deutlich, wie wichtig eine starke Wirtschaft für die Europäische Union (EU) ist, sprach über die Bedeutung von Gewerkschaften und deren Präsenz in Brüssel, mahnte jedoch gleichermaßen auch dazu, dass man auch in Zukunft offen bleiben und kooperieren müsse.

Ein Thema, das von Jung mehrmals angesprochen wurde, waren die sogenannten "Vier Motoren", grenzüberschreitende Zusammenarbeit und deren konstante Bedeutung für die EU. Gemeint sind damit vier starke Regionen in der EU: Rhône-Alpes, Lombardei, Katalonien und Baden-Württemberg. Kooperation zwischen diesen Regionen, die für Qualität steht, sei ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit weiteren Partnern. Diese Regionen sind jedoch nicht nur wirtschaftlich stark, sondern zeichnen sich dadurch aus, dass sie angewandte Wissenschaft, Wirtschaft und Produktion in Einklang bringen. Ein Ansatz, den Jung als äußerst positiv bewertete.

Die Arbeit der Europäischen Kommission weise ein großes Maß an Offenheit vor. Als Beobachter in Brüssel könne er bestätigen, dass die Kommission funktioniere, klug aufgeteilt sei und vor allem sachgerechter arbeite als einige Ministerien in Deutschland. Er ergänzte, dass Lobbyismus in Brüssel weitaus transparenter sei als in Berlin beispielsweise - entgegen dem weit verbreiteten Glauben, dass dieser die Brüsseler Politik dominiere.

Auch die einmalige Rolle, die der europäische Einigungsprozess bei der Friedenssicherung in Europa in der Vergangenheit gespielt hat und bis heute noch spielt, thematisierte Jung. Vor diesem Hintergrund lobte Jung die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU im Jahr 2012. Seiner Meinung nach hätte die EU diesen Preis sogar schon viel früher erhalten sollen.

Als weiteren Punkt thematisierte Jung die Zukunft Europas und die Wichtigkeit von Innovationen. Wenn wir weiterhin innovativ bleiben möchten, dann habe Offenheit oberste Priorität. Offenheit in Sachen Kooperation, aber auch bezüglich der EU als Institution. "Es geht nur mit der EU", so Jung. Auch für die Zukunft seien Qualität und Kooperation von entscheidender Bedeutung.

Damit leitete Jung zu einem anderen Thema über: Das Standing der EU in der Welt. Man dürfe nicht vergessen, dass die EU 1948 die Antwort auf die Weltkriege war, heute jedoch die Antwort auf die Globalisierung darstelle, nicht zuletzt da sie den größten Binnenmarkt der Welt bietet. Kleine Länder wie Slowenien, die Slowakei oder Estland seien auch nicht zu unterschätzen, weil sie durch ihre mangelnde Größe dazu gezwungen seien, sich auf internationale Märkte auszurichten. Aber auch als größter Mitgliedsstaat der EU habe man einzeln nicht mehr viel Gewicht in der Welt. Insgesamt sei es so, dass nur alle Mitgliedstaaten zusammen eine prominente Rolle in der Weltpolitik spielen können.