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Die Friedrichsau

Luftbild des Ausees mit dem Hotel Lago im Blick

Die Friedrichsau wird gerne als „Ulmer Prater” bezeichnet. Wer dabei an Riesenrad, Karussells und Achterbahnen denkt, liegt falsch. Die Friedrichsau ist kein Rummelplatz, auch wenn in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zwei Wochen im Jahr das Volksfest für Rummel sorgt. Im Gegenteil: Die „Au”, wie die Ulmer sie nennen, strahlt Ruhe aus. Ihre geschwungenen Wege um die Augärten und -seen bieten allen Generationen Bewegung und Entspannung. Kinder können aus nächster Nähe das Sozialverhalten der Stockente studieren, können die vom Biberzahn zugespitzten Baumstümpfe bestaunen, können sich auf den Spielplätzen nassspritzen oder Klettergerüste erklimmen. Und wenn es ihnen gelingt, ihre erwachsenen Begleiter zu einem Besuch im Tiergarten zu überreden, öffnet sich ihnen dort die Unterwasserwelt der Donau, durch die sie, von einem gläsernen Tunnel geschützt, zu den rund 500 schwimmenden, kriechenden, kreischenden oder quiekenden Vertretern der heimischen und exotischen Tierwelt gelangen.

Wem das Promenieren durch die flache Parklandschaft zu eintönig wird, dem versprechen die Wälle und Gräben des Forts Friedrichsau eine topographisch ungewöhnliche Abwechslung. Das Fort, erbaut von 1852 bis 1854 mit späteren Ergänzungen, ist ein Teil der Bundesfestung Ulm. Das Wichtigste am Spaziergang ist schließlich das Einkehren, in diesem Falle in die Augärten. Sie sind ein Überbleibsel des Vereinslebens des 19. Jahrhunderts, was sich in den zum Teil seltsamen Namen wie „Hundskomödie”, „Liederkranz” oder „Teutonia” widerspiegelt. Und die Konzertmuscheln, die im einen oder anderen Augarten noch zu finden sind, erinnern an die Zeiten, als dort Chöre und Kapellen für Hochstimmung sorgten.

Auch heute noch ertönt dort gelegentlich Musik, in jedem Falle am Schwörmontag, dem Ulmer Nationalfeiertag in der zweiten Julihälfte. Der pflegte traditionsgemäß in der Au auszuklingen, bis Ende des 20. Jahrhunderts ein Überangebot an Veranstaltungen in der Innenstadt zur Konkurrenz erwuchs. Aber für den harten Kern der Ulmer, vor allem aber für Familien, ist die Au nach wie vor die erste Adresse am Schwörmontagabend. Somit hat der klassische Satz „Gosch au na en d‘ Au na?” (Gehst du auch in die Au hinab?) seine Geltung bis heute bewahrt. Kurz gesagt: Die Friedrichsau ist ein Teil des Ulmer Gemütslebens.

Lageplan der Friedrichsau

Ihre Existenz verdankt die Friedrichsau  letztendlich Napoleon. Der verlegte Ulm, das nach Verlust seiner Reichsfreiheit 1802 bayerisch geworden war, im Jahr1810 ins Königreich Württemberg. Dadurch verlor die Stadt ihre Gebiete jenseits der Donau, welche nunmehr die Grenze zu Bayern bildete. Sie zu passieren, war mit allerlei Schikanen und Unannehmlichkeiten verbunden. Und damit entfiel auch das beliebte Ulmer Sommervergnügen, schwimmend oder auf einer Zille fahrend das am anderen Ufer gelegene Ausflugsziel „Steinhäule” anzusteuern, wo in einer Waldlichtung Bier ausgeschenkt wurde und ein Tanzhaus sowie ein Karussell für Unterhaltung sorgten. Die Ulmer Obrigkeit reagierte schnell. Auf Anregung des Oberamtmanns Ludwig Friedrich Fischer, die von Senator Hieronymus Eitel von Schermar in die Tat umgesetzt wurde, begann sie auf der Ulmer Donauseite, etwas oberhalb des Steinhäules, den Auwald, genannt „Gänshölzle”, zu entwässern und mit Wegen erschließen zu lassen. Und als Ulms neuer Souverän, der württembergische König Friedrich I., der Stadt am30. Mai 1811 seinen ersten Besuch abstattete, spendete er 2000 Gulden „als einen Beitrag zur Errichtung des neuen Spaziergangs, welchen sie unter dem Namen Friedrichsaue anlegen wollen”, wie der König schriftlich verfügte. Dieser 30. Mai war auch der Tag, an dem der Schneidermeister Albrecht Berblinger zu Ehren des Königs seinen Flugversuch über die Donau unternehmen wollte. Wegen eines angeblichen Defekts an seinem Fluggerät brach er ihn ab – was der hohe Gast mit Verständnis und einem großzügigen Geldgeschenkin Höhe von 20 Louisdor quittierte. Als Berblinger am folgenden Tag zum Sprung ansetzte, der glanzlos in der Donau endete und ihn zur Spottfigur machte, war der König bereits wieder abgereist. Die Umgestaltung des bis dahin von streng riechendem Bärlauch überwucherten Gänshölzles zur gesellschaftsfähigen Friedrichsau ging recht zügig voran. Die Statue der römischen Jagdgöttin Diana, die der Ulmer Hafnermeister Septimus Rommel für eine Inszenierung vor dem Frauentor zum Königsbesuch angefertigt hatte, wurde auf einen künstlichen Hügel in der Au gestellt. Seither heißt dieser Platz „Dianawiese”, auch wenn Hügel und Statue längst verschwunden sind. Um die Gastronomie kümmerte sich der Schiffmann Sigmund Clement, der bislang die Fähre zum Steinhäule betrieben hatte und der sich infolge der neuen Grenzziehung einen neuen Broterwerb hatte suchen müssen. Bereits am 4. Juli annoncierte der Conditor Hocheisen, dass er in der Friedrichsau Eis verkaufen werde. Und am 29. Juli veröffentlichte das Königliche Polizei-Ober-Kommissariateine „Polizeiliche Bekanntmachung”, um „Ruhe, Sicherheit, Ordnung, Anstand und Sittlichkeit” in der Friedrichsau als einem „dem Vergnügen und der Erholung der Ulmischen Einwohner“ gewidmeten Platz zu gewährleisten. Verboten waren ausgelassenes Lärmen und Schreien, Injurien und Schlaghändel. Die Polizeistunde war von Mai bis August auf 10 Uhr, für die übrige Zeit auf 9 Uhr festgelegt. Ausnahmen waren zuvor zu melden. Im Übrigen aber galt: „Wer nach dieser Zeit in den Spaziergängen der Friederichs-Au noch herumstreicht, wird als ein verdächtiger Nachtschwärmer behandelt, und in polizeiliche Verwahrunggebracht.” Im September erfreute ein Feuerwerk inder Au die Ulmer. Und am 20. Oktober 1811 hob die Aeronautin Constanze Bittorff in der Friedrichsau erfolgreich mit einem Papier-Ballon ab.Die Au-Gesellschaft der ersten Stunde ist die „Hundskomödie”, gegründet im Sommer 1811 von 20 Ulmern, vornehmlich Handwerkern, als „Gesellschaft in der Au“. Über das spätere Zustandekommen ihres Namens gibt es mehrere Erklärungen; die plausibelste ist, dass beider heißen Diskussion um eine geeignetere Vereinsbezeichnung der Satz „Herrgottsakerdi, so a Hondskomödie!“den Ausschlag gegeben habe. Im Übrigen aber scheint es eine Weile gedauert zu haben, bis die Ulmer Vereine den Drang verspürten, sich in der Au anzusiedeln.So bedurfte es der Aufforderung durch das Königliche Oberamt, damit die ehrwürdige Lesegesellschaft (die spätere Museumsgesellschaft), die seit 1789 das aufgeklärte Bildungsbürgertum zu ihren Mitgliedern zählte, im Juli 1811 beschloss, ein Sommerhaus in die Friedrichsau zu stellen. Es hatte die Form eines griechischen Tempels. Den Sommer über spielte dort sonntags– manchmal auch donnerstags – eine Militärkapelle, und von 1817 an fanden Tanzveranstaltungen statt. So wurde die Au allmählich zum Ziel der Ulmer Sonntagsspaziergänge, wovon Kanzleirat Joseph Friedrich Schlotterbeck 1823 in seinem Gedicht „Sommervogels Wochenzettel“ Zeugnis ablegt. Darin beschreibt er die Ulmer Ausflugsziele, eines für jeden Tag. Zur Au bemerkt er:

Am Sonntag zieht‘s mich in die Aue,
Dass ich die schöne Welt beschaue.
Da bläst man gratis mir ins Ohr
Den Jungfernkranz und Jägerchor.

Bild eines silberfarbenen Kunstwerks. Im Vordergrund sind unscharf violett-gelbe Blumen zu sehen

Trotz alledem dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Au ihre wahre Breitenwirkung entfalten und das Steinhäule an Popularität übertreffen sollte. Denn das blieb zunächst auch noch das Ziel der „Wasserfahrten”,die wieder möglich wurden, als 1828 die Zollschranken fielen. Doch allmählich setzte sich die Friedrichsau durch: 1840 ist sie nachweislich Ziel einer Schifffahrt der Fischerzunft. Anlass war das Gedenken an den alten Ulmer Nationalfeiertag, den Schwörtag, der mit dem Ende der Reichsstadtzeit erloschen war. An diesem Tag wurde in den 1860er Jahren immer häufiger mit zum Teil karnevalesken Wasserfahrten erinnert, und die endeten in der Au. Dort bildete sich im Lauf der Jahre eine Schwörmontags-Festkultur heraus, wozu die Vereine und Gesellschaften, die sich seit den 1870er-Jahren verstärkt in der Au angesiedelt hatten, maßgeblich beitrugen. Ihre Gärten waren „illuminiert“, Feuerwerke bildeten den Höhepunkt, „und um 23 Uhr fand der geordnete Rückzug statt: Unter Abspielen des Fischermarsches zogen Alt und Jung mit Lampions nach Hause in die Stadt zurück”, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1919. Die Friedrichsau war zum Kulminationspunkt des wieder erstarkten Schwörmontags geworden, das heißt: Auf dem Umweg über die Aufand der Schwörmontag schließlich im 20. Jahrhundert den Weg ins Herz der Stadt zurück, wo er mit der Schwörfeier auf dem Weinhof seinen politischen Stellenwert wiedergewann. Somit kommt der Friedrichsau eine Schlüsselrolle in der Ulmer Festkultur zu. Mittlerweile hatte sie ihr Gesicht verändert. An ihrem westlichen Rand war von 1852 an das Fort Friedrichsau ins Gelände gegraben worden. Durch Kiesabbau waren zwei Seen entstanden, der Obere und der Mittlere Ausee, die um die Jahrhundertwende durch einen Kanal verbunden wurden. Wo zuvor ein Schützenhaus gestanden hatte, wurde 1910 ein Seeparkrestaurant eingerichtet, von dem man einen hervorragenden Blick auf den um dieselbe Zeit installierten Springbrunnen mit seiner 22 Meter hohen Fontäne hatte.

Mehrere Schildkröten auf einem Stein

Die Tradition des „Ulmer Zoos“ in der Au reicht mindestens bis ins Frühjahr 1927 zurück, als die Stadt in einem alten Schuppen, der früher dem Pächter der Wirtschaft in der Unteren Au als Geflügelhaus gedient hatte, ein Vogelhaus einrichtete. Es war Teil einer Tierschau, bestehend aus ein paar Affen, Ziegen, Greif- und Wasservögeln. An ihre Stelle trat der Tierpark, der im August 1935 in der Friedrichsau eröffnet wurde und zehn Pfennig Eintritt kostete. Er bot seinen Besuchern ein Vogelhaus mit einheimischen Singvögeln und einem Uhu namens Peter, ein Aquarium mit tropischen Pflanzen, exotischen Fischen und Schildkröten sowie Käfige und Freilandgehege, wo sich Bären, Hirsche und Schafe tummelten. Kurz vor Kriegsende wurden die verbliebenen Tiere verkauft, doch gleich nach Ende des Krieges ging die Stadt daran, den Tierpark wieder aufzubauen. Der „Ulmer Zoo” brannte 1961 ab; fünf Jahre später wurde er durch ein Aquarium ersetzt, das in den beiden folgenden Jahrzehnten erst um ein Freigehege und dann um ein Tropenhaus erweitert wurde. 2008 kam in dem neuen „Donau-Aquarium” auch die heimische Wasserwelt zu Ehren. Die größte Anziehungskraft aber übten lange Zeit die Braunbären aus. Schon in den 30er-Jahren gab es welche in der Au, und nach dem Krieg, Anfang der 50er-Jahre wurden erneut welche angeschafft. Die erhielten 1957 einen neuen Platz auf einem der beiden Flankentürme des Forts – einer erbärmlich winzigen Fläche, die 1980 erweitert wurde, aber nach wie vor zu klein war. 2003 durften die Bären endlich in ein neues Gehege umziehen. Das ist wiederum so groß und so gelegen, dass man die Petze oft gar nicht zu Gesicht kriegt, weshalb sie in der Liste der Au-Attraktionen nach unten gerutscht sind.

Eine gründliche Umgestaltung erfuhr die Friedrichsau zur Landesgartenschau 1980, als sie für den Geschmack der Ulmer eher zu stark verschönert wurde. Die Hundskomödie musste ihren angestammten Platz verlassen und in die Gegend des ehemaligen, 1968 abgebrochenen Seepark-Restaurants ziehen. Längst ist die Friedrichsau, die ursprünglich nach Osten hin in die freie Natur überging, auch dort baulich umfasst. 1956 wurde die Donauhalle fertiggestellt, an die sich seit 1963 die Fertighausausstellung und seit 1964 das erweiterte Ausstellungsgelände anschließt. Der Untere Ausee wurde in den1950er-Jahren immer größer und wurde zur Landesgartenschau 1980 ansprechend modelliert. An seinem Ufer wurde im Januar 2010 das 24 Meter hohe, fünfstöckige Hotel Lago eröffnet. Es zeigt weithin sichtbar, wo heute die Friedrichsau im Osten endet.