Digitale Bildungsorte: Ulm & Espoo
Städte überall in Europa stehen vor den Herausforderungen des digitalen Wandels. Anstatt allein zu handeln, bündeln Städte ihre Kapazitäten, um effektive, zukunftsweisende Lösungen zu entwickeln. Digitale Bildungsorte in Städten wie Museen, Bibliotheken, Stadtlabore usw. sind Teil dieser Lösung und standen im Mittelpunkt des Städteaustausches zwischen Ulm und Espoo.
Mitarbeitende der Ulmer Stadtverwaltung, der Volkshochschule Ulm und des ZAWiWs waren in 2024 und 2025 im Dienst der Bürgerschaft unterwegs zu Austauschen mit den Kolleg*innen im finnischen Espoo, einer 320.000 Einwohnerstadt westlich von Helsinki. Der Austausch wurde möglich durch Mittel des Walter-Hallstein-Programms der Baden-Württemberg-Stiftung.
Finnland ist bekannt für seine innovativen, nutzerfreundlichen Lösungen, z.B. in Kita, Schule, Kultur und Arbeitswelt. Von diesen Ideen profitierten die Gruppen während ihres Austauschprogramms mit Espoo, einer Stadt im Wachstum. Von ca. 30.000 Einwohnern in den 50iger Jahren hat sich die Stadtbevölkerung auf ca. 300.000 Einwohner in 2020 verzehnfacht. Und sie wächst weiter mit ca. 6000 bis 8000 Einwohnern, die jährlich zuziehen und eine Vielzahl von Bau- und Integrationsaktivitäten erforderlich machen. Espoo ist bekannt für seine attraktive Wohnlage mit viel Grün und Nähe zur Natur. Und gilt auch als Zentrum für Know-how, Forschung und Entwicklung - ähnlich wie Ulm mit seiner Wissenschaftsstadt.
Die Ziele im Austauschprojekt:
📌 Digitale Lernorte erkunden, die zu den Menschen passen: Bibliotheken, Museen, Volkshochschule und weitere Einrichtungen entwickeln gemeinsam, wie digitale Angebote für alle verständlich, offen und alltagsnah gestaltet werden können. Dabei stehen die Bedürfnisse der Bürger*innen im Mittelpunkt.
🛠 Neue Lernformate zum Mitmachen: Mitarbeitende in Ulmer Einrichtungen lernen moderne Methoden kennen, mit denen neue Mitmach-Angebote weiter entwickelt werden können – zum Beispiel: Maker Spaces (öffentliche Werkstätten mit Technik zum Ausprobieren), Barcamps und offene Workshops, Angebote rund um Kreativität, Kita, Schule, digitale Kultur.
🤝 Zusammenarbeit über Abteilungen hinweg: Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen arbeiten in gemischten Teams zusammen. Das verbindet Stadtverwaltung, Kultur, Bildung und weitere Einrichtungen stärker miteinander.
📣 Europa wird sichtbar – mitten in der Stadt: Die Zusammenarbeit findet vor Ort und online im Austausch statt. Dadurch werden Aktivitäten sichtbar, eine Vielzahl von Akteuren ist eingebunden. Somit wird wahrnehmbar, was praktische europäische Kooperation bedeutet.
💬 Was haben die Ulmer Bürger*innen davon?
• Mehr Angebote zum Ausprobieren, Lernen und Mitmachen
• Leichterer Zugang zu digitaler Bildung – für jedes Alter
• Sichtbare europäische Zusammenarbeit vor Ort
• Stärkere Bürgerbeteiligung und Mitgestaltung
• Innovative Lernräume, die dauerhaft bleiben
Welche Zielgruppen waren beteiligt?
Der Teilnehmerkreis setzte sich aus engagierten Mitarbeitenden zusammen, die digitale Bildung als Aufgabe und Gestaltungsfeld verstehen. Beteiligt waren Kolleginnen und Kollegen der operativen Ebene der Stadtverwaltung Ulm sowie der Volkshochschule Ulm (Erwachsenenbildung) und des Zentrums für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm (ZAWiW – Erwachsenen- und Seniorenbildung, Bürgerwissenschaften). Gemeinsam war allen Teilnehmenden, dass sie Digitale Bildungsorte planen, betreiben, verwalten, steuern oder strategisch weiterentwickeln. Unter Digitalen Bildungsorten verstehen wir Lern- und Lehrorte in der Stadt zur Stärkung digitaler Teilhabe und der digitalen Kompetenzen der Bürger*innen wie Bibliotheken, Digitale Stadtlabore, Kultureinrichtungen mit pädagogischem Ansatz, Quartierszentralen oder Bildungsreinrichtungen. Diese interdisziplinäre Zusammensetzung erwies sich als besonderer Mehrwert: Unterschiedliche institutionelle Perspektiven trafen auf ein gemeinsames Ziel, nämlich digitale Bildung in der Stadt nachhaltig und bürgerorientiert weiterzudenken.
Welche Erwartungen hattet ihr an die finnischen Partner?
Etwa vier bis fünf Monate vor der Abreise führten wir eine Informationsveranstaltung für Interessierte an den beiden geplanten Exkursionen nach Espoo durch. Auf dieser Grundlage formierte sich der finale Teilnehmerkreis. Mit dieser Gruppe wurde anschließend ein Zielworkshop durchgeführt. Leitend war dabei die Frage: Mit welchem konkreten Erkenntnisinteresse reisen wir im Rahmen der Themenstellung „Digitale Bildungsorte“ nach Espoo – und wie kann ein nachhaltiger Transfer der gewonnenen Erkenntnisse nach Ulm gelingen? Aus diesem Prozess entstand ein gemeinsamer, praxisorientierter Fragenkatalog, der die inhaltliche Grundlage für den Austausch mit den finnischen Partnern bildete (ein Auszug ist im Downloadbereich zu finden).
Exemplarisch beschäftigten uns dabei unter anderem folgende Fragestellungen:
- Wie können digitale Themen wirksam an Bürgerinnen und Bürger herangetragen werden und mit welchen Angeboten öffnen sich Bildungsorte gezielt in die Quartiere?
- Wie lassen sich bestehende, klassische Bildungsorte – etwa Schulen oder Bildungsträger – sinnvoll um digitale Räume oder Zonen erweitern?
- Wie sind erfolgreiche Digitale Bildungsorte organisatorisch, technisch und finanziell ausgestattet, um ihren Auftrag nachhaltig erfüllen zu können?
- Im Bereich der digitalen Kulturbildung: Wie können digitale und analoge Formate sinnvoll miteinander verzahnt und weiterentwickelt werden?
Wie seid ihr auf eure Austauschstadt gestoßen? Warum fiel die Wahl auf diese Stadt?
Das Projekt entstammt konkret den Kontakten und Aktivitäten der Stadt als Mitglied im Netzwerk der Eurotowns. Über Eurotowns bestanden bereits gute Kontakte nach Finnland. Diese bestehende gute Zusammenarbeit sollte durch das geplante Projekt mit Espoo ausgebaut werden.
Wie wurde die Zusammenarbeit mit Espoo organisiert?
Es bestand keine formale Kooperationsvereinbarung. Stattdessen beruhte die Kooperation auf einer informellen, aber klaren Übereinkunft, im Rahmen dieses Projekts partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Zentrale Grundlage bildete eine frühzeitige Verständigung über das zur Verfügung stehende Budget für die Organisation der Exkursionen auf finnischer Seite sowie eine gemeinsam abgestimmte Projektbeschreibung mit definierten Meilensteinen (ein Beispiel ist im Download-Bereich zu finden).
Als besonders hilfreich erwies sich eine konstant ansprechbare Kontaktperson in Espoo. Sie übernahm die Koordination der einzelnen Austauschstationen vor Ort und organisierte darüber hinaus projektbezogene Meilensteine wie das Midterm-Meeting.
Welche Formate waren besonders wertvoll (Hospitationen, Workshops, Diskussionen)?
Besonders profitiert hat die erste Gruppe vom Online-Kick-Off mit den finnischen Kolleg*innen. Hier fand ein erstes informellen Kennenlernen statt. Gesichter und Namen wurden bekannt, die dann vor Ort für den wichtigen Wiederkennungseffekt sorgten. Die Teilnehmenden bekamen auf ihren Programm-Stationen jeweils einen Inputvortrag. Danach konnten sie sich die Räumlichkeiten anschauen, bspw. in einer weiterführenden Schule oder Angebote selbst ausprobieren, bspw. im Maker Space. Besonders wertvoll waren die Fragerunden sowie informellen Austauschmöglichkeiten beim Mittagessen oder einer Kaffeerunde. Am Projektende fanden zwei Workshops zum Kompetenzaufbau statt, die ebenso als wichtig zur Stärkung der stadtinternen Netzwerke sowie zur Stärkung der Stadt als guter Kommunikator wahrgenommen wurden.
Gab es konkrete Praxisbeispiele oder Pilotprojekte, die ihr übernommen habt?
Zwei Ansätze haben die Umsetzung städtischer Vorhaben in Ulm besonders inspiriert:
- Zum einen entstand das Projekt „Münsterblick – Ein Blick über die Dächer der Stadt, ganz ohne Stufen“ im Immersive Hub des Ulmer Stadthauses. Ausgangspunkt war ein Besuch in Espoo, bei dem wir in einer Grundschule ein 360-Grad-Videokabinett kennenlernen durften. Dieses wurde dort eigenständig von der Schule bespielt und machte Unterrichtsinhalte aus Fächern wie Biologie oder Geschichte auf eindrucksvolle Weise erlebbar.
- Zum anderen beeindruckte uns die sogenannte „Espoo Story“ – eine gesamtstädtische Strategie, die über die fünfjährige Legislaturperiode des Stadtrats hinweg Orientierung gibt. Sie zeichnet sich durch eine hohe Identifikationskraft aus und bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für unterschiedlichste Akteure: von der Bürgerschaft über die Wirtschaft bis hin zu den städtischen Einrichtungen. Nach unserer Rückkehr wurde die Espoo Story unter anderem als Referenzrahmen in die Strategieentwicklung eines Fachbereichs der Ulmer Stadtverwaltung eingebracht.
Was würdet ihr inhaltlich heute anders machen?
Positiv war die Entscheidung, zunächst eine erste Gruppe zu entsenden, die vor Ort die Gegebenheiten sondierte, zentrale Akteure kennenlernte und grundlegende Fragestellungen klärte. Auf dieser Basis konnten im Anschluss weiterführende Themen präzisiert werden, sodass die zweite Gruppe mit vertiefenden und für einzelne Fachbereiche besonders relevanten Fragestellungen in den Austausch ging. In der Nachbetrachtung sehen wir dennoch punktuelle Entwicklungsmöglichkeiten. Zusätzliche informelle Austauschrunden vor Ort hätten vermutlich einen weiteren Mehrwert geschaffen, insbesondere zur Vertiefung der persönlichen Beziehungen zwischen den Kernteams auf beiden Seiten. Solche Formate hätten den fachlichen Austausch um eine wichtige vertrauensbildende Komponente ergänzt. Darüber hinaus wären ergänzende Expertenvorträge denkbar gewesen, um ausgewählte Querschnittsthemen gemeinsam zu vertiefen. Beispielhaft zu nennen ist hier die Rolle von Künstlicher Intelligenz für Digitale Bildungsorte.
Wie hoch war der organisatorische Aufwand?
Das Projekt wurde von einer Projektverantwortlichen der Ulmer Stadtverwaltung koordiniert. Aufwand bestand vor Allem bei der Organisation der Meilensteine im Projekt, also ein Kick-Off-Meeting, zwei Exkursionen, ein Midterm-Treffen online und zwei Workshops am Projektende. Dazu kamen die Transferveranstaltungen zur Informationsweitergabe in die Verwaltung - hier fanden zwei Veranstaltungen im Format „Wissensfrühstück“ statt. Darüber hinaus fällt Aufwand an für die interne und externe Kommunikation, die Aufarbeitung der Projektdokumente und -ergebnisse sowie die Berichterstattung an den Fördermittelgeber.
Wie viele Teilnehmende waren ideal?
Pro Exkursion war eine Gruppe von 10-12 Teilnehmenden eine gute Größe.
Welche Sprachregelungen gab es (Englisch, Dolmetschen)?
Es gab keine Dolmetscher. Die gemeinsame Arbeitssprache war Englisch. Einige finnische Kollegen gestalteten aufgrund ihrer guten Fremdsprachenkompetenz ihre Beiträge sogar in deutscher Sprache.
Wie habt ihr die Ergebnisse in die eigene Kommune zurückgetragen?
Zum Transfer in die eigene Kommune haben Teilnehmende Präsentationen für ihre Abteilungen vorbereitet, andere berichteten bei Abteilungstreffen. Für alle interessierten städtischen Kollegen wurden zwei Formate „Wissensfrühstück“ mit einem typisch finnischen Frühstücksangebot in Präsenz organisiert. Nach der Rückkehr wurde die Espoo Story u.a. als Referenz für Strategieentwicklung in einer Fachbereichssitzung der Ulmer Stadtverwaltung vorgestellt.
Was waren die größten Herausforderungen?
Dazu zählten:
• zeitliche Ressourcen für die Organisation im Projekt,
• die Kommunikation zum finnischen Partner konstant im Fluss zu halten,
• abgesagte bzw. umgebuchte Flüge,
• Erwartungen zu managen und
• mit nicht eingetretenen Erwartungen umzugehen,
• das Projekt zu evaluieren und einen konkreten, belegbaren Nutzen vorher zu definieren und nachher herauszuziehen sowie
• eine nachhaltige Partnerschaft zu Espoo aufzubauen.
Welche Voraussetzungen sollte eine Kommune mitbringen?
Offenheit; Flexibilität; Mut; Vertrauen in die Teilnehmenden; Abteilungsübergreifendes Denken; Ressourcen für die Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung an den Fördermittelgeber; Fremdsprachenversierte Mitarbeitende.
1. Kooperationsvereinbarung abschließen.
2. Möglichkeiten des informellen Austauschs abseits der offiziellen Präsentationen und Führungen organisieren.
3. Deutsch wird viel besser verstanden, als man erwartet - also Obacht, was man sich wo erzählt! 😉
4. Einen zweiten Projektverantwortlichen installieren als Back-Up für Fehlzeiten und zur Unterstützung in der Projektkoordination.
5. Fragen und Erwartungen klar an die finnische Partnerstadt kommunizieren, aber auch akzeptieren, dass ggfs. nicht alle Fragen beantwortet werden können.
6. Reisevorbereitungen wie Unterkunfts- und Flugbuchung rechtzeitig in die Wege leiten.
7. Für inhaltliche Lessons learned stehen die Ansprechpartner*innen der Abteilungen bzw. die Projektkoordination zur Verfügung, siehe auch Kontaktinformationen rechts.
8. Die Erfahrungsberichte inklusive Links zu den besuchten Programmstationen stehen online zur Verfügung, siehe im Link- bzw. Downloadbereich rechts.
Die Graphik zeigt die Projekt-Mitwirkenden in Ulm.
Nachfolgend die Partner in Espoo:
Koordinatorin der Besuche: Hanna Eskelinen (Coordinator of International Affairs), Bürgermeisterbüro, Stadt Espoo
Weitere Partner: Internationales Büro, Abteilung E-Sports und Personalabteilung der Stadt Espoo, Viherlaakso Grundschule, Lippulaiva Bibliothek, VTT, Iso Omena Service Center, Espoo City Museum KAMU, Erwachsenenbildung und Makerspace von Omnia, Weiterführende Schule Espoonlahti Upper Secondary School
© BW Stiftung, BW Stipendium
Das Walter-Hallstein-Programm
Das Walter-Hallstein-Programm im Baden-Württemberg-STIPENDIUM unterstützt Kommunen und weitere Verwaltungsakteure aus Baden-Württemberg bei der Umsetzung gemeinsamer Projekte mit Verwaltungen im europäischen Ausland. Ziele des Programms sind die Förderung des europaweiten Austauschs auf Verwaltungsebene, die Stärkung der innereuropäischen Zusammenarbeit und der Austausch sowie die Verbreitung von Best-Practice-Ansätzen in wichtigen Zukunftsfeldern.
Die Baden-Württemberg Stiftung
Die Baden-Württemberg Stiftung setzt sich für ein lebendiges und lebenswertes Baden-Württemberg ein. Sie ebnet den Weg für Spitzenforschung, vielfältige Bildungsmaßnahmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit unseren Mitmenschen. Die Baden-Württemberg Stiftung ist eine der großen operativen Stiftungen in Deutschland. Sie ist die einzige, die ausschließlich und überparteilich in die Zukunft Baden-Württembergs investiert – und damit in die Zukunft seiner Bürgerinnen und Bürger. Mehr Infos: hier klicken.