Schwörhaus als „Ort der deutschen Demokratiegeschichte" ausgezeichnet
Das Schwörhaus am Weinhof in Ulm, Heimstätte des Hauses der Stadtgeschichte – Stadtarchiv Ulm, ist in das deutschlandweite Netzwerk der „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ aufgenommen worden. Das Projekt macht bundesweit historische Schauplätze sichtbar, an denen demokratische Entwicklungen ihren Ausdruck fanden – von frühen Formen politischer Teilhabe bis zu modernen Verfassungsstaaten.
Mit dem Schwörhaus wird nun ein besonderer Ort gewürdigt, dessen Wurzeln demokratischer Praxis bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Es ist der Ort, an dem der Oberbürgermeister jedes Jahr am Schwörmontag den Eid aus dem Mittelalter erneuert.
Radierung von Rudolf Ellenrieder aus dem Jahr 1823 nach einem Bild von Jonas Arnold, um 1650
Die Aufnahme in die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte würdigt diesen außergewöhnlichen Ort als lebendiges Zeugnis einer Tradition öffentlicher Verantwortung, bürgerlicher Selbstbindung und städtischer Identität.
Die demokratiegeschichtliche Bedeutung des Schwörhauses gründet in den innerstädtischen Auseinandersetzungen des 14. Jahrhunderts. 1345 kam es in der damaligen Reichsstadt Ulm zu einem Machtwechsel zugunsten der Zünfte. Der anschließende „Kleine Schwörbrief“ verpflichtete Bürgermeister, Rat und Bürgerschaft auf gegenseitige Treue und gerechte Amtsführung. Der jährlich wiederkehrende Schwur begründete den festen Rhythmus des Schwörtags – ein politisches und performatives Ritual öffentlicher Selbstvergewisserung.
Mit dem „Großen Schwörbrief“ von 1397 wurde die Zunftherrschaft weiter gefestigt. Der gemeinsame Eid von ratsherrlicher Obrigkeit und Bürgerschaft stellt eine bemerkenswerte Form kollektiver Selbstbindung dar. Der Schwur war nicht nur symbolischer Akt, sondern rechtlich und moralisch verbindliche Grundlage städtischer Ordnung.
Der jährliche Schwörakt war eng mit dem Weinhof, dem ältesten Siedlungskern Ulms, verbunden. 1949 belebte Oberbürgermeister Theodor Pfizer die Schwörtradition in demokratischem Geist neu. Seitdem legt der Oberbürgermeister am Schwörmontag – erstmals 1954 auf dem Balkon des wiedererrichteten Schwörhauses – öffentlich Rechenschaft ab und erneuert den Eid von 1345, „Reichen und Armen ein gemeiner [gerechter] Mann zu sein“.
Heute beherbergt das Schwörhaus das Haus der Stadtgeschichte – Stadtarchiv Ulm und damit das kollektive Gedächtnis der Stadt. Das Schwörhaus zeigt eindrucksvoll, dass Demokratiegeschichte nicht erst mit modernen Verfassungen beginnt, sondern bereits in den kommunalen Traditionen des Mittelalters verwurzelt ist.
Weitere Informationen zur Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und zur Deutschlandkarte der Demokratiegeschichte sind unter www.demokratie-geschichte.de zu finden.