Kopfnavigation:
Inhalt:
Ulmer Geschichte(n): 75 Jahre Ulmer Bekenntnistag
Die ganze Gemeinde im Ulmer Münster stand auf, als der bayerische Landesbischof Hans Meiser begann, die "Ulmer Erklärung" zu verlesen: „... Um der dauernden Gefährdung des Bekenntnisses willen stellen wir uns ... dar als eine Einheit, die durch die Kraft Gottes treu zum Bekenntnis zu stehen gedenkt, obschon wir damit rechnen müssen, dass uns dadurch viel Not erwachsen wird ...“. Hohe Vertreter der evangelischen Kirche stellten sich damit öffentlich gegen die Ideologie der von den Nationalsozialisten unterstützten Gruppe der "Glaubensbewegung Deutscher Christen" innerhalb der Reichskirche - und damit auch gegen die Machthaber selbst.
© Stadt Ulm
Besuch der Landesbischöfe Wurm und Meiser (Mitte) in Ulm Am 22. April 2009 jährt sich der Tag der "Ulmer Erklärung" oder des "Ulmer Bekenntnistags" zum 75. Mal. Die Ereignisse in Ulm waren einerseits Resultat spontanen, schnellen Handelns, andererseits jedoch fast logische Konsequenz eines innerkirchlichen Konflikts, der sich bis zum Ende des NS-Regimes nicht auflösen sollte.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 waren auch die Kirchen in Deutschland von der Gleichschaltung bedroht. Innerhalb der zersplitterten evangelischen Kirche hatte sich schon um 1930 die Glaubensbewegung Deutsche Christen gebildet, die mit Unterstützung Adolf Hitlers die reichsweiten Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 gewannen und die meisten wichtigen Kirchenämter besetzten. Lediglich die Bischöfe der Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover gehörten nicht den Deutschen Christen an.
Nachdem die Deutschen Christen den sogenannten Arierparagraphen in der größten evangelischen Landeskirche, der Altpreußischen Union, für Kirchenämter eingeführt hatten, wurde im September 1933 der Pfarrernotbund gegründet. Er rief alle deutschen Pfarrer zum Protest gegen den "Arierparagraphen" und zur Hilfe für Betroffene auf. Ab Mitte Oktober hatte der Pfarrernotbund eine feste organisatorische Struktur. Bis Januar 1934 schloß sich ihm mit etwa 7.000 Pfarrern ungefähr ein Drittel der evangelischen Geistlichen im Deutschen Reich an.
Der Pfarrernotnund verwahrte sich gegen die Gleichschaltungspolitik des NS-Regimes, ebenso gegen die Verfälschung der christlichen Lehre durch die völkisch-rassische Ideologie des Nationalsozialismus. Die Besinnung auf das Glaubensbekenntnis der Protestanten und auf die Bibel war die theologische Antwort auf die Gefährdung der Kirche durch die Nazis.
Auch der württembergische Landesbischof Theophil Wurm war Mitglied des Notbundes und entschloss sich bei einem Treffen mit seinem bayerischen Amtskollegen Hans Meiser am 18. April zu einer öffentlichen Kundgebung aller bekenntnistreuen Gruppen und Kirchen Deutschlands. Da Wurm ohnehin am 22. April in Ulm predigen sollte, einigte man sich auf das Ulmer Münster als Ort der Kundgebung.
Trotz der Kurzfristigkeit fanden sich Tausende protestantischer Christen aus dem ganzen Reichsgebiet im Ulmer Münster ein. Nach dem Gottesdienst und der Verlesung der "Ulmer Erklärung" durch Landesbischof Meiser gingen die Menschen nicht auseinander, sondern warteten auf dem Münsterplatz auf die Bischöfe, während sie den Choral anstimmten: "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort ...".
Es fällt auf, dass die Kundgebung nicht mehr vom Notbund sprach, der sich gegen die Übergriffe der DC-Reichskirche wehrte. Sie bezeichnete sich erstmals als "rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands" und erhob damit den Alleinvertretungsanspruch für eine Kirche, die sich am Glaubensbekenntnis und nicht an Zielen der Staatsgewalt orientiert. Nur fünf Wochen später formulierte die "rechtmäßige evangelische Kirche" in Barmen dieses Bekenntnis präzise und öffentlich: in der Barmer theologischen Erklärung.
Die Würdenträger der "Bekennenden Kirche" waren in der Folgezeit Sanktionen der Machthaber ausgesetzt. Viele wurden ihrer Ämter enthoben, mit Rede- und Schreibverbot belegt oder in Konzentrationslagern interniert. Die Zerschlagung der "Bekennenden Kirche" wagten die Nationalsozialisten jedoch, vor allem aufgrund des großen Zuspruchs in der Bevölkerung, nicht.
So wurde Ulm Schauplatz eines Aktes des Widerstands. Allerdings weniger politischer Natur. Im Kern wehrte sich die evangelische Kirche gegen theologische Einmischung der Staatsgewalt. Die Rolle der evangelischen Kirche im Dritten Reich führte nach dem Krieg schließlich zum Stuttgarter Schuldbekenntnisses, in dem die Kirche ihr Versagen im Dritten Reich eingestand und damit eine Brücke zu den Kirchen der Kriegsgegner baute.
Die Ereignisse in Ulm zeigten aber auch, dass eine im Glauben vereinte Gemeinschaft, dem Nazi-Regime nicht wehrlos gegenüberstand.
Anlässlich der 75. Wiederkehr des Ulmer Bekenntnistages findet am 26. April ein gemeinsam vom Haus der Stadtgeschichte, dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart und der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm veranstaltetes Symposium statt.
- Ulmer Geschichte(n): Ulmer Olympioniken
- Ulmer Geschichte(n): Ulmer Oberbürgermeister
- Ulmer Geschichte(n): 'Der Ulmer Prozess'
- Ulmer Geschichte(n): Vom staufischen Marktplatz zur Neuen Mitte
- Ulmer Geschichte(n): Die Ulmer und ihr Münster
- Ulmer Geschichte(n): Das Schwörhaus
- Ulmer Geschichte(n): Die Universität
- Ulmer Geschichte(n): Die Bundesfestung
- Ulmer Geschichte(n): Displaced Persons in Ulm
- Ulmer Geschichte(n): Der 17. Dezember 1944
- Ulmer Geschichte(n): Die Reichspogromnacht in Ulm
- Ulmer Geschichte(n) - Die Ulmer Sammlung 1230–1808
- Ulmer Geschichte(n) - 100. Todestag von Max Eyth
- Ulmer Geschichte(n) - Was ist eigentlich ein 'Schwörmontag'?
- Ulmer Geschichte(n) - Die Geschwister Scholl
- Ulmer Geschichte(n) - 60 Jahre Gemeinderat
- Ulmer Geschichte(n) - Ulmer WM-Helden

